Berlin : Der Tagesspiegel

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Die Bahn ist die Bahn. Sie soll Reisende möglichst pünktlich, möglichst sicher und möglichst bequem von A nach B bringen. Die Bahn ist keine Wohlfahrtsbehörde und auch kein Sammelplatz für gescheiterte Existenzen. Die Deutsche Bahn muss wirtschaftlich denken und rechnen. Und die zahlenden Kunden wollen nicht auf ihrem Weg zu modernen und schnellen Zügen durch Alkohol-Ausdünstungen und Urin-Pfützen stolpern. Denn dieses Penner-Ambiente ist es doch, das viele Autofahrer derart schreckt, dass sie lieber mit dem eigenen Blech in den Stau fahren, als sich in den Zug zu setzen. Solange im und vor dem Bahnhof gebettelt, gedealt und gesoffen wird, solange gewinnt die Eisenbahn nicht ihren Kampf um ein attraktiveres Image. Die Bahn hat in ihren Stationen das Hausrecht, und davon sollte sie Gebrauch machen. Kein Kaufhaus und keine Bank würden es dulden, wenn sich Alkoholiker im Foyer zum Trunke niederlassen würden. Natürlich ist es sehr bequem, die Bahn immer noch als Wärmestube für Obdachlose zu missbrauchen. Aber auch eine Bahnhofsmission moderner Prägung kann nur die Aufgabe haben, alte und gebrechliche Reisende zum Zug zu bringen. Vor 100 Jahren noch lag der Bahnhof in jeder Stadt in bester Lage; mit dem Siegeszug des Autos begann der Niedergang der Bahnhofsviertel zum Drogen- und Strichertreff. Die Eisenbahn ist auf gutem Wege, ihre Bedeutung zurückzugewinnen. Aber dazu muss sie sich um ihre Fahrgäste kümmern – und der Staat um seine Obdachlosen. Jörn Hasselmann

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