Berlin : Der Tagesspiegel

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Kreuzberg. Die Sirenen der Sprengmeister tönten, es donnerte, und als sich die Staubwolken verzogen, sah es heller aus. Immer wieder sperrte die Polizei ganze Straßenzüge ab – Alltag bis in die frühen 80er Jahre in der Gegend ums Kottbusser Tor. Sanierung nannte sich das, und die Bewohner wurden zu „Umsetzmietern“. Hier standen noch die hundertjährigen grauen Mietskasernen, einst für die Ämsten der Armen errichtet. Enge, lichtlose Höfe, Fabrikgebäude vorm Zimmerfenster, Außenklo im Treppenhaus.

Die Menschen, die dort wohnten, litten unter den Bedingungen, oder sie hatten sich damit abgefunden. Die graue Stadt rund ums Kottbusser Tor hatte die Kriegsbombardierungen verhältnismäßig gut überstanden, aber die Nachkriegszeit ging an die Substanz. So schlechte Wohnverhältnisse wie hier gab es im westlichen Deutschland längst nicht mehr, und das sollte die Spitzhacke drastisch ändern. Im 1963 beschlossenen ersten Stadterneuerungsprogramm war das Sanierungsgebiet Kottbusser Tor mit 105 Hektar das größte, und die Stadtplaner hingen der „Kahlschlag-Theorie“ nach.

In der Praxis bedeutete das: Flächenabriss. Nur jedes zehnte Haus galt als sanierungsfähig. Die fast 30 000 Bewohner – jeder zweite aus der Türkei stammend – waren beunruhigt, weil sie fürchteten, hohe Mieten in sanierten oder neugebauten Wohnungen nicht mehr zahlen zu können. Gewerbetreibende verloren ihre Grundlage, weil die Stadt herum unter Sprengladungen zusammenbrach. Die Stadtplaner entwarfen neue Grundrisse, konzipierten die schon damals umstrittene Rundbebauung des Kottbusser Tores mit dem Neuen Kreuzberger Zentrum, die GSW entwickelte Pläne für eine neue Stadt am Landwehrkanal. Vieles wurde verwirklicht, vieles aber blieb auch in den Schubladen, weil in den 80er Jahren - nicht zuletzt durch die Hausbesetzerbewegung - die behutsame Stadterneuerung entdeckt wurde. Der Altbaubereich der Bauausstellung IBA entwickelte unter Leitung von Hardt-Waltherr Hämer Erneuerungsstrategien, die Gesellschaft S.T.E.R.N. setzte sie fort. Das Umdenken war auch Verdienst des Sanierungsbetroffenen Werner Orlowsky, der zu einer Kreuzberger Kultfigur werden sollte, weil er den Dialog zwischen den Seiten herstellte. Orlowsky wurde später Baustadtrat im Bezirk. Die Stadterneuerung hatte längst zum Ziel, Altbauten zu schonen, dabei zeitgemäßen Wohnraum zu schaffen und sozialverträgliche Mieten zu gewährleisten. C. v. L.

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