Berlin : Der Tagesspiegel

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HINTER DEN KULISSEN

Berlins PDS-Wirtschaftssenator Gregor Gysi kam nicht mit leeren Händen von seiner Dienstreise nach Toronto, New York und Washington zurück. In seinem Gepäck hatte er sechs Kaffeetassen für seine engsten Mitarbeiter. Auf den dunkelblauen Bechern sind das Regierungswappen sowie die n, Fotos und Amtszeiten der 43 US-Präsidenten abgebildet. Die Kaffeepötte sind pädagogisch wertvoll und politisch korrekt. Erstanden hatte sie Gysi auf dem Washingtoner Flughafen. Kopfschüttelnd soll er durch einen Shop namens „America!“ gebummelt sein, vorbei an Baby-Nuckelflaschen mit Aufdruck „The Future President“, an Badelatschen mit Schriftzug „The First Lady“ und an Klopapier mit dem Konterfei von Osama Bin Laden.

Auch seinen Senatskollegen wollte Wirtschaftssenator Gregor Gysi die eindrucksvollsten Erlebnisse seiner USA-Kanada-Reise nicht vorenthalten. Auf einer Aids-Gala in New York steuerte der sportbegeisterte PDS-Politiker schnurstracks auf einen Tisch zu, an dem zwei NBA-Stars der 90er Jahre, Patrick Ewing und Dikembe Mutombo, saßen. Als sich die Basketballer höflich erhoben, um Gysi zu begrüßen, drohte dem Politiker eine „zunehmende Genickstarre“, wie er sagt. Der Wirtschaftssenator erklärte seinen Kollegen diese sinnliche Erfahrung mit den Worten: „Das sah so aus, als ob ich sitzen würde. Aber ich habe gestanden.“ Die Durchschnittsgröße der Basketballer liegt bei 2,15 Meter, Gysi misst 1,64 Meter.

Zum Abschluss der Haushaltsberatungen war es bisher Usus, dass der Präsident und die Verwaltung des Abgeordnetenhauses die Hauptausschuss-Mitglieder und deren Mitarbeiter zum Imbiss ins Casino einladen. In diesem Jahr verlegte man das Essen für 45 Personen in ein Restaurant, das den Abgeordneten eher durch die Nähe zum Preußischen Landtag, weniger wegen der kulinarischen Spezialitäten bekannt ist. Vor diesem Abend teilte Lothar Funke, Leiter des Protokolls, der SPD-Ausschussvorsitzenden Hella Dunger-Löper schriftlich mit, dass „unabhängig vom Speisen- oder Getränkekonsum einzelner Personen“ die Kosten bis zu maximal 800 Euro übernommen werden. Frau Dunger-Löper und der Wirt hätten „die Ausgabesituation zu überwachen“. Ein über 800 Euro hinausgehender Betrag müsse von der „Gemeinschaft der Gäste“ selbst bezahlt werden. Außerdem könne ein „eventuell zu zahlendes Trinkgeld“ nicht mit öffentlichen Geldern finanziert werden. Sofern die Summe von 800 Euro nicht erreicht werde, sei dies „unschädlich“. Die Parlamentarier sind über diesen harschen Ton schon ein wenig indigniert und vermuten eine Retourkutsche von Präsident Walter Momper: Dessen Budget wurde im Zuge der Haushaltsberatungen um 225 000 Euro gekürzt.

Immer noch Fußball-WM: PDS- und SPD-Mitglieder schauten sich am Freitag gemeinsam das Spiel Deutschland-USA an. Dass nicht jeder Sozialist „antiamerikanisch“ sei, habe man an den Wetttipps für die USA gesehen, sagt PDS-Parlamentarier Frederik Over. Bei der FDP hängt der Haussegen immer noch schief: Fraktionsvize Alexander Ritzmann hat Frauenreferentin Daniela Scherler noch nicht eingeholt. Herr Ritzmann tippt mit Verstand, Frau Scherler mit Intuition. In vielen Verwaltungen wurde eine Ausnahme von der Kernarbeitszeit bis 14 Uhr gemacht, damit die Fußballbegeisterten das Spiel anschauen konnten. Auch Justizsenatorin Karin Schubert horchte und guckte: Die Bundesratssitzung wurde eigens unterbrochen. Die türkischstämmige SPD-Abgeordnete Dilek Kolat würde sich über ein Endspiel Türkei gegen Deutschland freuen – „egal, wie es ausgeht“. Sabine Beikler

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