Berlin : Der Tagesspiegel

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Konsumstreik ist das ideale Ventil für die über ein halbes Jahr aufgestaute Teuro-Wut. Endlich können wir uns wirksam wehren. Sicher, viele versuchen es schon: Sie boykottieren systematisch die Gastronomie und kaufen nur noch in Billigmärkten ein. Das ist allerdings der vollkommen falsche Weg. Niemand kann ein Restaurantsterben und das Ende anspruchsvoller Lebensmittelgeschäfte wollen. Nein, an diesem einen Tag – nicht vergessen: 1. Juli! – müssen die geschröpften Kunden ein Signal setzen.

Dann kriegen sie alle einen Schrecken: Eismänner, die ihre Kugeln für einen Euro statt für eine Mark verkaufen, Currywurstbrater, die die 3,80 stehen ließen und Restaurantbesitzer, die uns nicht mehr für zwölf Mark (6,12 Euro!) satt werden lassen. Am Morgen des 2. Juli schreiben sie ihre Preistafeln und Speisekarten neu. In Supermarktkonzernen beschließen Krisenmanager, umgehend neu zu etikettieren. Penibel umgerechnet und fair gerundet, wie es sich gehört. Wenn sie das einmal über sich gebracht haben, wird alles wieder gut. Wir werden wie die Wilden kaufen und immer das Menü bestellen. Versprochen. Und rechtzeitig vor der Bundestagswahl kommt der Aufschwung zurück. Noch Zweifel? Also sprechen wir es aus. Die Mächtigen haben Angst vor Sätzen wie diesem: Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin. Da ist es doch leichter, einmal nicht in den Supermarkt zu gehen, oder? Hoffen wir, dass nicht zu viele Streikbrecher den 1. Juli zum ungestörten Shoppen nutzen. Amory Burchard

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