Berlin : Der Tagesspiegel

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DER STRASSENFEGER

13:31 Uhr

Eben grüßte noch die Warteschleife, eine Stimme bat um „etwas Geduld“ – jetzt stehen beim „Taxi Funk Berlin“ plötzlich die Telefone still. Andreas Winter kennt das schon. „Bei einer Fußball-WM haben sie auf der Straße nix verloren“, sagt der Callcenter-Manager. Etwa 2700 Taxen sind bei der Zentrale organisiert, für Dienstagnachmittag riet Winter den Fahrern: selber gucken. Die Stille, die sich nach dem Anpfiff über die Stadt legte, konnte man auch in der Zentrale spüren: Gerade noch 47 Prozent der Wagen waren noch unterwegs, aber sie hatten nicht viel zu tun. „Die Auslastung liegt bei rund 50 Prozent“, sagt Winter.

14:15 Uhr

Kommen 22 Mann, die eineinhalb Stunden lang einem Ball hinterherrennen, gegen zwei Jahrtausende deutsch-jüdischer Geschichte an? Oh ja. „Wir hatten einen massiven Einbruch seit halb eins“, sagt Christina Friske, Sprecherin des Jüdischen Museums. Ganze neun Besucher verirrten sich während der ersten Halbzeit an die Ticketkassen. Normalerweise sind es fast zwanzig Mal so viele. Auch die Sonderausstellung „Juden im deutschen Fußball“, die noch bis Sonntag läuft, hat die Bilanz nicht retten können.

14:26 Uhr

Halbzeitpause; es steht Nullnull, aber die Berliner Wasserbetriebe registrieren schon jetzt „große Erleichterung“. 48 330 Kubikmeter Wasser – umgerechnet 2,8 Millionen Toilettenspülungen – rauschen binnen fünf Minuten durch die Rohre. Während des Spiels war die Nachfrage nur reichlich halb so groß. „Aber eigentlich kann so ein Sprung gar nicht nur an den Toiletten liegen“, sagt Sprecher Stephan Natz. Zu Beginn der zweiten Halbzeit ebbt die Flut wieder ab.

14:52 Uhr

Es ist eine bunte Mischung, die sich mittags in der Lebensmittelabteilung des Kadewe durch die Gänge schiebt. Touristen, die gucken. Berliner, die einkaufen. Geschäftsleute, die essen. Normalerweise. „Jetzt ist es leerer als sonst“, sagt Sprecherin Dagmar Flade. Magische Anziehungskraft scheint aber die Elektronikabteilung auszustrahlen, dort, wo die Fernseher flimmern. Alle Geräte an, fast alle auf Halbfinale gestellt. Drei Fernseher hat sich die Sportabteilung für das Halbfinale ausgeliehen. Ansonsten gilt im Haus: „Nur wer Pause hat, darf gucken“, sagt Dagmar Flade.

15:10 Uhr

Die Bösewichter halten es auch nicht anders. Wenn Deutschland spielt, kann die Arbeit warten. Dabei müssten sich die Diebe, Betrüger und Räuber ranhalten, um das Soll des letzten Jahres zu erfüllen: 572 272 Straftaten erfasste da die Polizei und das bedeutet: Im Schnitt schlagen die Straftäter 1568 Mal am Tag, 65 Mal in der Stunde zu. Doch was machen sie? „Fernsehen wie jeder andere auch“, sagt Kriminaldirektor Winfried Roll. Beim Lagedienst der Polizei bleibt es am Dienstagnachmittag ungewöhnlich ruhig. Nur einer tanzt aus der Reihe. Gegen 15 Uhr wird die Filiale der Berliner Bank am Olivaer Platz überfallen. Der Räuber, offenbar kein Fußballfan, flüchtete mit Bargeld. kf / obs

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