Berlin : Der Tagesspiegel

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LESERBRIEF DES TAGES

Der Tagesspiegel berichtet, und die Leser antworten: Jeden Tag erreichen uns Briefe zu aktuellen Berliner Themen – mit Zustimmung, mit Kritik, mit Anregungen oder anderen Sichtweisen. An dieser Stelle deshalb der Leserbrief des Tages: so aktuell und schnell wie die Berichterstattung.

Ihre Zuschriften richten Sie bitte an: Verlag Der Tagesspiegel, Demokratisches Forum, 10876 Berlin. Sie können Ihren Leserbrief auch faxen: 030 26009 - 332. Per E-mail erreichen Sie uns unter leserbriefe@ tagesspiegel.de. Bitte vermerken Sie auch bei E-mails Ihre vollständige Anschrift, da diese sonst als anonym gelten müssen und nicht veröffentlicht werden können.

Unredlich argumentiert

Interview mit Klaus Wowereit, 16. Juni 2002

Sehr geehrter Herr Wowereit. Immer noch packen mich Wut und Empörung angesichts Ihrer Äußerungen, nach denen die Misere an den Schulen nichts mit deren schlechter materieller Ausstattung zu tun habe. Ich bin Mutter von einem Kindergarten- und zwei Grundschulkindern und Vorsitzende der Gesamtelternvertretung (GEV) an der Schule meiner Kinder. Ich erfahre seit Jahren, dass die Bemühungen der Grundschule, die Kinder optimal zu fördern und ihnen den Spaß und die Begeisterung am Lernen zu erhalten, von der Politik bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls durch massive Einsparungen unmöglich gemacht werden.

Besonders ärgerlich finde ich Ihr Argument, wir Eltern sollten doch erst einmal unseren Erziehungsauftrag ernst nehmen. Ich gebe Ihnen völlig Recht, dass da in den Elternhäusern viel versäumt wird. Sich mit diesem Argument aber aus dem staatlichen Bildungsauftrag davonzustehlen, finde ich unredlich. Solche Äußerungen zeigen mir, dass Sie sich nicht einmal darum bemühen, zu verstehen und anzuerkennen, wie groß die Not an den Schulen ist, und vor allem, dass Sie gar nicht daran denken, nur einen Cent mehr in die Schulen zu investieren. Als Nächstes schlagen Sie vor, dass der flächendeckende Ausbau von Ganztagsschulen spielend realisiert werden kann, wenn wir Mütter uns endlich bereit erklärten, die Nachmittagsbetreuung in der Schule gleich selbst zu übernehmen. Ich versichere Ihnen, ich putze gerne Klassenzimmer, stehe mir beim Klassentrödel die Beine in den Bauch und fahnde nach Sponsoren, die unseren Kindern einen Schulcomputer finanzieren. Wenn ich aber sehe, mit welcher Ignoranz Sie über die dramatischen Zustände an den Schulen hinweggehen und Ihre Verantwortung an uns Eltern abwälzen wollen, würde ich am liebsten alles hinschmeißen. Dass wir Eltern das nicht tun, weil wir unseren Kindern Spaß am Lernen und Erfolg in der Schule wünschen, darauf spekulieren Sie. Und das ärgert mich am meisten. Anneke Pilgrim, Berlin-Wittenau

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