Berlin : Der Tagesspiegel

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HINTER DEN KULISSEN

Im Wahlkampf gibt es keine Sommerpause, höchstens eine kleine Ferienflaute. Gregor Gysi lässt es sich wohl sein wie Gott in Frankreich. Zwei Wochen französische Atlantikküste, zwei Wochen auf der eigenen Datscha in der märkischen Schweiz – der früher mächtigste Mann der PDS braucht Erholung. „Er hat schließlich einen anstrengenden Job als Doppel- und Dreifachsenator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen“, wurde im Senat über den Abwesenden gefrotzelt. Wenn Bürgermeister Gysi wieder da ist, darf Klaus Wowereit ausspannen. Aber nicht so lange.

Bürgermeisterin und Justizsenatorin Karin Schubert ist eine Steherin, aber derzeit kann sie sich nur mühsam auf den Beinen halten. Das Repräsentieren ist nun mal mit Stehempfängen verbunden; da fallen ihr vor Schmerz beinahe die sprichwörtlichen Haare von den Zähnen. Frau Schubert plagt eine Gelenkentzündung im rechten Fuß, und das hat mit den Folgen des Bruchs beim Waldspaziergang zu Ostern zu tun. Bis zum Urlaubsantritt Anfang August muss sie noch durchhalten. Und die Weihnachtspause ist auch schon verplant: „Da kommen die Schrauben raus, die drücken jetzt sehr.“

So viele Jungwähler auf einmal trifft man nur heute. Die Love Parade hat zwar nicht mehr den Status einer politischen Demonstration, aber Politiker schildern sich ein. Na ja, nicht so direkt. Sie umkreisen den Brennpunkt. Auch der CDU-Abgeordnete Peter Rzepka, der für den Bundestag kandidiert, ist nicht faul. Vormittags empfehlen sich Kandidat Rzepka und ein Schwarm junger Helfer den Ravern, die zum Tiergarten unterwegs sind, vor U- und S-Bahnhöfen im Wahlkreis Schöneberg-Tempelhof. Fürsorglich werden Erfrischungsgetränke verteilt. „Ich freue mich auf die vielen jungen Menschen, die am Wochenende fröhlich tanzend durch die Stadt ziehen“, sagt Rzepka (58) artig. Also für ihn geht es um die Wurst. Am Abend des 22. September weiß er, ob sich die Investition gelohnt hat.

Was wäre, wenn im Dezember 1999 in der Kampfkandidatur um den SPD-Fraktionsvorsitz nicht Klaus Wowereit, sondern Hermann Borghorst gesiegt hätte? Dann wäre vermutlich das turbulente Jahr 2001 anders verlaufen, Eberhard Diepgen (CDU) jedenfalls kaum zu stürzen gewesen, Klaus Wowereit nicht Regierender. Und Hermann Borghorst säße nicht als Personaldirektor der Laubag in Senftenberg. Dieser Tage machten 15 daheimgebliebene SPD-Abgeordnete mit Fraktionschef Michael Müller an der Spitze einen Betriebsausflug zu Borghorst nach Senftenberg. Sie wollten schon immer den Braunkohlentagebau begucken; die Sommerflaute machte es möglich. Alle waren auch sehr beeindruckt. „Ach was, über die Berliner Politik und die alten Zeiten und was hätte sein oder nicht sein können, haben wir überhaupt nicht gesprochen“, beteuert Fraktionsgeschäftsführer Christian Gaebler. Der Genosse Direktor hatte vor lauter Termindruck wenig Zeit für einen Schwatz; beim Mittagessen ließ er sich entschuldigen. Es ist eben so, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt.

Auch Stallwachen können durchaus anstrengend sein. Grünen-Fraktionschef Wolfgang Wieland radelt, wenn es sein muss, durch die ganze Stadt von einem Termin zum anderen. Neulich ließ er sich auch bei brütender Hitze nicht davon abhalten, kräftig in die Pedale zu treten. Er musste sich bei längeren Stehempfängen sehen lassen, erst im Lichthof der TU zur Amtseinführung des neuen Präsidenten, dann zur Eröffnung des Zuckermuseums in Wedding, wo ihm in der drangvollen Enge schließlich ganz flau wurde. „Ich fühle mich unterzuckert“, vertraute er den Parlamentskollegen Alice Ströver (Grüne) und Alexander Kaczmarek (CDU) an. Und begehrlich blickte er auf die Berliner Bauten aus Zuckerwerk, die eine Grazie in Uniform bewachte. Am liebsten hätte er das Brandenburger Tor oder den Fernsehturm oder das Reichstagsgebäude angeknabbert. Wieland musste sich gedulden, bis Mini-Spritzkuchen herumgereicht wurden: „Himmlisch wie Ambrosia, da ging es mir wieder gut.“ Brigitte Grunert

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