Berlin : Der Tagesspiegel

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Von Lothar Heinke

Die Rollläden sind unten, der Putz rieselt weiter, Bramann ist weg und die Kneipe ist zu. Das ist die ganze Geschichte. Sie spielt in Berlin-Mitte, am Ende der Taubenstraße. Gegenüber dem Eingang zum Nachrichtensender n-tv. Ja, genau da, wo früher der Verlag Volk und Welt seine Bücher machte. Man musste nur über die Glinkastraße gehen, um ins Parteihaus der DDR-Liberalen zu kommen. Dort saß auch die Redaktion des „Morgen“, ein Stückchen weiter wirkte der „Berliner Verlag“, die „Nationale Front“. Ideal für eine Kneipe: Es gab ausreichend Leute mit genügend Geld und Frust, um ihn sich vor und nach Feierabend von der Seele zu spülen, für 51 Pfennig das Helle und wenig mehr die Molle mit Korn.

Als ich zum ersten Mal durch die Rauchschwaden von manchen Pfeifen, Zigaretten und Zigarrenstummeln zum dunklen Mobiliar und zum großen Büfett hinter dem Tresen gelangte, war die Welt in Berlin noch halbwegs in Ordnung. Hier stand eine Frau am Zapfhahn, nach der wir die Kneipe „Tante Anna“ nannten. An eine Mauer war damals überhaupt nicht zu denken. Die Zeit zwischen dem Spiegeln einer Zeitungsseite und dem Umbruch verbrachten Journalisten bei Tante Anna, und wenn die Seitenabzüge zum Lesen fertig auf der Platte des Metteurs lagen, klingelte in der Kneipe das Telefon: Der Meister der schwarzen Kunst bat darum, dass sich der Redakteur in die Druckerei bequeme. Das war manchmal nicht so einfach, denn gerade kreiste beim Macke-Spiel der Würfelbecher, krachten die Sechsen auf den blanken Holztisch. Da saßen stadtbekannte Schreiber und Zeichner, die längst vom Himmel grüßen – der alte Gäbel, Cobra, der begnadete Gerichtsreporter, Johnny Stave , der alles gleich für den „Eulenspiegel“ durchschaute und der gemütliche Karikaturist Erich Schmitt. Aus Lust und Laune malte er eines Tages Ende der sechziger Jahre zur Erhellung der Destille eins seiner berühmten Männeken an die Wand, und das gefiel allen Leuten so gut, dass Onkel Erich gar nicht mehr von der Leiter runter kam und all die Figuren seiner Bildgeschichten – von Schwester Monika bis zu Tierpark-Ede – bei Tante Anna verewigte. Das war einmalig, aber später ließ ein neuer Besitzer den Schmitt überpinseln.

Dann kam Bernd Bramann, erst als Koch, ab 1983 als Inhaber. Da hieß unser Etablissement längst offiziell „Niquet-Klause“. An den Wänden zeigten Fotos, wie Niquets berühmter „Würstchenkeller“ am Hausvogteiplatz einmal aussah mit seinem Tonnengewölbe und jenen geschnitzten Raumteilern und bemalten Bleiglasfenstern, die auf wunderbare Weise in die Taubenstraße gelangten. Das war, als der Niquet-Keller an der Oberwallstraße für immer schloss, aber als Niquet-Klause wieder auferstand.

An den Fenstern konnte man sich ins Uralt-Berlin zurückträumen: Droschkenkutscher, Harfenjule und Eckensteher Nante schimmerten gelblich durchs Lokal, aber auch die alte, kleine Stadt zwischen Schloss und Fischerkiez. 29 Mal Berlin von anno dunnemals. Bernd Bramann weiß nicht so recht, was er mit all dem anfangen soll. Er hat das Handtuch in die Ecke geworfen. Schluss. Mietvertrag abgelaufen, Haus vor der Entkernung, und: „Ich habe mich wohl selbst überlebt.“ Sülze mit Bratkartoffeln gehen nicht mehr so, Bramanns Niquet mit Ragout fin ist von Edelrestaurants umzingelt. Auf Nimmerwiedersehn verschwindet nun auch jenes, aus blauen Kacheln auf der Eingangsstufe zusammengefügte Wort, über das jeder gehen musste und das jeder lesen sollte: HABERECHT. Selbst der Wirt mag den Sinn nicht deuten. Lassen wir der Niquet-Klause dieses Geheimnis und fragen wir auch nicht, wer da die Rose an den Eingang gelegt hat und warum. Es ist vorbei.

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