Berlin : Der Tagesspiegel

NAME

IM GESPRÄCH

Was ist Armut?

Nach der Definition der Europäischen Union ist jemand arm, wenn er weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens verdient. Das ist unzureichend. Man sollte auch nach der Lebenslage schauen. Dazu gehören die Wohnung, die Bildung, die Gesundheit, ob Kinder genügend Zuwendung erfahren.

Was sind die Gründe für die steigende Armut in Berlin?

In den vergangenen Jahren hat die Arbeitslosigkeit in Berlin dramatische Ausmaße erreicht. Wenn Firmen Pleite gehen, trifft es besonders die gering Qualifizierten. Und wer erst einmal ein paar Jahre lang arbeitslos war, der schafft den Aufstieg kaum noch.

Wie erklären Sie sich, dass die Armut in den Ostbezirken geringer ist als im Westen?

Das gilt nur, wenn man die Zahl der Sozialhilfeempfänger als Indikator nimmt. Die Leute im Osten haben von ihrer Erziehung her größere Hemmungen, Sozialhilfe zu beantragen. Dort ist die verdeckte Armut größer als im Westen. Generell nimmt man an, dass auf jeden Sozialhilfeempfänger einer kommt, der zwar den Anspruch auf Unterstützung hätte, aber keine Sozialhilfe beantragt.

Was muss sich ändern, um Armut abzubauen?

Der Arbeitsmarkt muss neu geordnet werden. Es müssen Arbeiten finanziert werden, die auch gering Qualifizierte und Ungelernte ausüben können. Der Niedriglohnsektor muss ausgebaut werden. Es nutzt nichts, den Leuten immer weiter Sozialhilfe zu zahlen. Man muss sie aus ihren Opferrollen herausholen und ihnen Achtung entgegenbringen – indem man diejenigen belohnt, die sich aus eigener Kraft eine Arbeit suchen und sie nicht als Schwarzarbeiter diffamieren.

Ein Beispiel?

Ich kenne eine Frau Ende 30, die immer von Sozialhilfe gelebt hat. Jetzt geht sie putzen, aber schwarz, weil sie Angst hat, dass ihr der Lohn von der Sozialhilfe abgezogen wird. Sich Arbeit zu suchen, ist für die Frau ein ganz wichtiger Schritt, um ihre Resignation zu überwinden. Das müsste man belohnen. Wichtig ist, den Armen eine Stimme zu geben. In Schöneberg läuft ein Modellversuch, in dem Eltern aktiv in die Kita-Arbeit einbezogen werden.

Das Gespräch führte Claudia Keller.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben