Berlin : Der Tagesspiegel

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HINTER DEN KULISSEN

Es war 17 Uhr 45, als Hans-Friedrich Müller, Chef vom Dienst im Senatspresseamt, am Mittwoch aus allen Wolken fiel. Vor ihm stand plötzlich Senatssprecher Michael Donnermeyer mit einem guten Rat: „Entweder Sie gehen sofort nach Hause, oder Sie werden hier noch Stunden festgehalten.“ Wie elektrisiert vergaß Müller sofort die brütende Hitze im Roten Rathaus. „Um wen geht’s?“, fragte er knapp. Darauf Donnermeyer: „Gregor Gysi tritt gleich zurück.“ Da war Müller klar, dass es ein langer Abend der Telefonate und Presseanfragen wurde. Schließlich ist er ein alter Hase und in Sachen Rücktritte nicht ungeübt.

Ungeahnte Hilfe wird der PDS bei der schwierigen Suche nach einem vorzeigbaren Bürgermeister und Wirtschaftssenator zuteil. Selbst Bedienstete der Senatskanzlei denken mit. Sie stellten Suchkriterien auf und verbreiteten sie via Flurfunk. Und da alles noch völlig im Bann von Gregor Gysi steht, wurden folgende Kriterien genannt: Klein von Statur, gewitzt im Kopf, superkorrekt gekleidet, Brillenträger, Kettenraucher. Der Mann wurde im Nu gefunden. „Die Beschreibung passt prima auf Günter Kolodziej“, meldete der Flurfunk. Na ja, das frotzelnde Kompliment macht Kolodziej noch nicht zum Gysi. Aber er bleibt ja das, wofür ihn die PDS im Roten Rathaus platziert hat: stellvertretender Senatssprecher.

Hilfe bot sogar der FDP-Abgeordnete Volker Thiel an, Beruf Unternehmensberater. Der Mann empfahl sich selbst. In der Sondersitzung seiner Fraktion aus Anlass des Gysi-Rücktritts erklärte er: „Ich könnte mich auch bewerben, dann müsste ich euch aber untreu werden.“ Die Liberalen quittierten es mit Gelächter. Später beim Plausch zu dritt mit Fraktionschef Martin Lindner und dem Kollegen Alexander Ritzmann (Beruf Personalberater) konnte Thiel von seinem hintersinnigen Scherz immer noch nicht lassen: „Also, ich habe mich für den Posten vorgemerkt, nicht, dass ihr auch noch auf die Idee kommt.“ Thiel ist seiner Zeit weit voraus, er denkt schon an eine andere Ära nach Rot-Rot. Man kann ja nie wissen.

Dies merkte auch Oliver Schruoffeneger, der haushaltspolitische Sprecher der Grünen. Mittwochnachmittag rauschte eine geharnischte Presse-Erklärung durch die Faxgeräte. Schruoffeneger regte sich über die Sperrung von Haushaltsmitteln für das Programm Arbeit statt Sozialhilfe auf. Der Grünen-Experte attackierte Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD), Wirtschafts- und Arbeitssenator Gregor Gysi und Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner; dann ließ er einen flammenden Appell an die drei los: „Kommen Sie zur Vernunft!“ Bald darauf war Gysi nicht mehr zuständig. Derartige Folgen hatte Schruoffenegger doch gar nicht im Sinn gehabt, nein wirklich nicht.

Für den Aufstieg in der Politik werden gern Seilschaften gebildet. Solche Seilschaften sind im Machtkampf nicht fein , können aber auch abstürzen. Eine harmlose Seilschaft bildeten die SPD-Abgeordneten Kirsten Flesch, Renate Harant und Jürgen Radebold zusammen mit Stadtrat Dieter Schmitz (Köpenick-Treptow). Sie machten Ferien in den Dolomiten, mit Seil und Haken. Frau Harant kam ins Rutschen, Radebold bewahrte sie mannhaft vor einem 30 Meter tiefen Absturz. Bei der Rettungsaktion holte er selbst sich eine blutende Kopfwunde, aber die war bald verschmerzt. Brigitte Grunert

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