Berlin : Der Tanz endet Montag früh

Das letzte Wochenende im Techno-Club Tresor hat begonnen. Mit dem Aus verschwindet ein Stück Pop-Kultur

Nana Heymann

Jeder Mythos hat seine eigene Überlieferung, und da der Tanztempel „Tresor“ weltweit als Inbegriff und Keimzelle der Technokultur gilt, kam Betreiber Dimitri Hegemann wohl nicht umhin, die Entstehungsgeschichte seines Clubs mit einem Hauch Romantik und Abenteuerlust anzureichern. Auf der Suche nach einem neuen Veranstaltungsort für seine Partys stieß er 1991 auf das leer stehende Wertheim-Kaufhaus in der Leipziger Straße. Im Schein eines Feuerzeugs, so pflegt es Hegemann oft zu erzählen, erkundete er das marode Gebäude, bis er schließlich auf die Tresoranlage im Keller des Hauses stieß. Auch wenn er die örtlichen Gegebenheiten im flackernden Licht nur schemenhaft erkennen konnte, verschlug es ihm dennoch die Sprache: Dort, wo die Inhaber einst hinter schweren eisernen Gittertoren ihre Wertpapiere und Geldreserven in dutzenden Schließfächern bunkerten, tat sich nun eine bizarre Kulisse aus kargem Stahlbeton und Rost auf. Beeindruckt vom spröden Charme der Räumlichkeiten habe Hegemann sofort gewusst, dass dies der richtige Ort für seine Partyvisionen sei. Der Rest ist Geschichte.

Knapp zwei Monate ist es her, da gab Hegemann auf der clubeigenen Homepage in wenigen Sätzen die Meldung bekannt, dass der Tresor nach den Feierlichkeiten zum 14-jährigen Jubiläum im April schließen werde. Viele haben diese Ankündigung nicht wahrhaben wollen, denn in der Vergangenheit hielt sich der Club regelmäßig mit Meldungen über eine bevorstehende Schließung im Gespräch. Nun ist aber endgültig Schluss, und der Tresor schließt an diesem Wochenende, um danach einem Bürogebäude der Volksfürsorge zu weichen.

Wenn heute Abend letztmalig hunderte Technofans auf Einlass warten und wohl bis Montag früh durchtanzen wollen, wird bei vielen die Trauer über den Abschied groß sein – besonders auch deshalb, weil die Schließung des Tresors mit dem immer lauter werdenden Abgesang auf die Technokultur einhergeht. Im Tresor vollzog sich einst nicht nur das, was DJ Paul van Dyk gern als den „Urknall einer neuen Jugendkultur“ bezeichnet. Unter der tiefen, von Schweiß tropfenden Decke, die mitunter Assoziationen an ein Feuchtbiotop weckt, nahmen etliche DJ-Karrieren ihren Anfang oder erlebten rauschende Höhepunkte. Neben ehemaligen Wegbegleitern wie dem Bunker oder dem E-Werk legte der Tresor Anfang der Neunziger nicht nur den Grundstein für eine Clubkultur in Berlins neuer Mitte, sondern exportierte zugleich den dumpfen, treibenden Sound der hauptstädtischen Auf- und Umbruchjahre hinaus in die weite Welt.

Doch all das gehört inzwischen der Vergangenheit an. Den Bunker gibt es längst nicht mehr, und auch wenn das E-Werk im Mai mit neuem Konzept Wiedereröffnung feiert, so wird es nicht mehr das Gleiche sein. Zudem ist die Berliner Clubszene längst in angrenzende Bezirke weitergezogen. Mittlerweile mag sie es ohnehin viel aufwändiger und schicker als noch in den improvisierten Anfangsjahren: Heutzutage amüsiert sich das Partyvolk lieber in mühevoll und kostspielig hergerichteten Örtlichkeiten wie dem Spindler & Klatt in Kreuzberg oder dem Week-End am Alexanderplatz.

Das mag auch daran liegen, dass sich die optische und akustische Ästhetik der reinen, ursprünglichen Technokultur überlebt hat. Insofern kommt der Abschied vom Tresor vielleicht gerade zur rechten Zeit, schließlich mussten Technofans schon am Beispiel der Love Parade miterleben, wie traurig es ist, wenn sich ein Mythos selbst demontiert.

Dennoch wird der Tresor in der Berliner Technolandschaft eine Lücke hinterlassen, die von Clubs wie dem „Sternradio“ oder „Berghain“ kaum zu schließen sein wird. Dort sind harte, hoch frequente Techno-Spielarten wie Gabba oder Goa durch Crossover-Effekte längst gediegeneren Elektro-Sounds gewichen. Das ist wesentlich publikumswirksamer. Der legendäre Ruf des Tresors wird nichtsdestotrotz weiterleben: Bereits jetzt wird eifrig an einem „Tagebuch des Abschieds“ gearbeitet, und rechtzeitig zur Schließung kommt die Dokumentation „Tresor Berlin: The Vault & The Electronic Frontier“ ins Kino. Stilvoller kann man wohl kaum Lebewohl sagen.

Weitere Informationen unter www.tresorberlin.de

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