Berlin : Der tapfere August war eine Templinerin

Wehrhaft, seenreich und voller ulkiger Geschichten: Templin lockt Mittelalter-und Wasserfans

Carl-Peter Steinmann

August Lübeck war ein mutiger junger Mann. Im Jahre 1813 nahm er an 17 Schlachten gegen Napoleons Truppen teil, doch bei Dennewitz verletzte ihn der Feind so schwer, dass er, aus drei Wunden blutend, in ein Berliner Lazarett kam. Die Überraschung war groß, als sich der tapfere August bei der Untersuchung als die zwanzigjährige Friedericke Krüger aus Templin entpuppte.

Wieder genesen, kehrte Friedericke sofort zu ihrem Regiment zurück. Für ihre Tapferkeit erhielt sie das preußische Eiserne Kreuz und den russischen St.-Georgs-Orden. Außerdem versprach Friedrich Wilhelm III. sogar die Hochzeitsausstattung zu übernehmen, falls sich ein wackerer Mann für sie entscheiden sollte. Karl Köhler, Unteroffizier bei einem Ulanen-Regiment, fand Friedericke und das königliche Angebot verlockend – und so wurde bald Hochzeit gefeiert. Auch der Großherzog von Mecklenburg spendierte den Frischvermählten eine Jahresrente von 50 Talern, die der Preußenkönig um weitere 72 Taler erhöhte.

Die Templiner sind stolz auf ihre kampferprobte Friedericke. Mit deren Geschichte beginnt so manche Führung durch die Altstadt. Danach geht es schnurstracks weiter zurück ins Mittelalter – zum Falschen Waldemar, ein Hochstapler, der 29 Jahre nach dem Tode des Markgrafen Waldemar die Mark narrte: Er gab sich als Waldemar aus, der angeblich nicht verstorben, sondern auf einer Pilgerfahrt gewesen sei. Etliche Städte huldigten ihm. Auch Templin.

Um diese Zeit war die heutige touristische Nummer 1 der Stadt, die einzigartige Wehrmauer, noch im Bau. Diese fast kreisrunde, aus Feldsteinen errichtete Stadtmauer ist 1734 Meter lang und durchschnittlich sieben Meter hoch. Sie umringt den historischen Stadtkern und dokumentiert mit ihren 47 Wiekhäusern, dem Pulver- und Gefängnisturm und den Stadttoren, wie eine Kleinstadt zur Ritterzeit in der Mark aussah.

Bei Stadtbränden war die Wehrmauer aber eher hinderlich. Mehrfach wurde Templin von großen Bränden heimgesucht. 1735 zerstörte das Feuer die gesamte Stadt. Nur die Georgenkapelle und die Stadtmauer überstanden die Flammen. Beim Wiederaufbau entstand ein völlig neuer, schachbrettartiger Grundriss mit breiteren Straßen. 1750 weihte man das barocke Rathaus ein, auch die Stadtkirche Maria Magdalena wurde neu aufgebaut. Die Inschrift über ihrem Südportal erinnert an die Katastrophe: „Des Feuers Macht stürzte mich in Asch und Graus . . .“ Doch nicht nur große Feuersbrünste warfen die Stadt in ihrer Entwicklung zurück.

Mehrfach geriet sie ins Abseits, weil Handelswege verlegt wurden. 1746 weihte man den Finowkanal ein. Der Warenverkehr zwischen Magdeburg und Stettin verlagerte sich aufs Wasser, wodurch Templin Zolleinnahmen verlor. Es ging aber immer wieder voran. Ein Imagegewinn war 1912 der Umzug des Joachimsthalschen Gymnasiums von Berlin nach Templin. Als Fürstenschule 1607 von Kurfürst Joachim Friedrich gegründet, galt sie als eine der wichtigsten Bildungsstätten der Mark. Zu DDR-Zeiten wurden dort später Lehrer ausgebildet. Seit 1996 stehen die Gebäude leer.

Heute spielt die Stadt gerne ihre touristischen Trümpfe aus: Mittelalter-Flair, Wasserreichtum und an sonnigen Tagen eine geradezu mediterrane Stimmung. Drumherum kann man paddeln, segeln oder als Draisinenfahrer strampeln – auf der stillgelegten Bahnstrecke zwischen Templin und Fürstenberg.

Außerdem ist Templin ein Thermalsoleheilbad. Zurzeit ist die Natur-Therme am Lübbesees wegen Baumängeln allerdings geschlossen. Bis Ende 2006 soll sie repariert sein. Bereits Anfang Juli öffnet die acht Kilometer vor Templin am Röddelinsees gelegene Westernstadt „Eldorado“. Der Potsdamer Filmparkchef Friedhelm Schatz betreibt das Projekt. Wildwest-Shows sollen Gäste anlocken.

Schlagzeilen machte Templin Ende der 90er Jahren mit dem ersten Nulltarif in Stadtbussen in Deutschland. Das Projekt hielt man nur bis 2003 durch. Doch auch heute sind die Busse noch sehr günstig: Wer die Tageskurtaxe von einem Euro bezahlt, kann diesen Nachweis entsprechend lange als Dauerticket nutzen. Mit 350 Mitarbeitern ist der „Waldhof“ am Bürgergarten der größte Arbeitgeber. 1852 gegründet als „Verein zur Erziehung verwahrloster Knaben“, widmet er sich bis heute sozialen Aufgaben. Seit 1957 arbeitete und wohnte dort Pfarrer Horst Kasner. Seine älteste Tochter Angela ist heute Bundeskanzlerin.

Doch Templin überrascht die Republik auch auf andere Weise. Wer hier ein „Nudlgericht“ bestellt, erhält Kartoffeln. Solche Nudlspezialitäten gibt es beispielsweise im Landgasthof „Kleine Schorfheide“ in Annenwalde. Als der bissige Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr in den 20er Jahren einmal Templin besuchte, berichtete er über das „ulkige Städtchen“ in der Uckermark: „Ulkig die Beschaffenheit einer anscheinend furchtbaren Stadtwehr von so gemütlichem Anstrich. Ulkig die Tore; auf dem einen nistet ein Storch.“ Viele Storchengenerationen haben auf dem Berliner Tor das Licht der Welt erblickt. Seit einigen Jahren blieb das Wagenrad leer. Warum? Vielleicht liegt es an der nächtlichen Illumination. Wer lässt sich schon gerne ins Nest leuchten?

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