Berlin : Der Terror lässt sie nicht los

18 Jahre nach dem Anschlag auf die Diskothek „La Belle“ erinnerten sich Opfer und ihre Anwälte

Katja Füchsel

Da sind sie wieder, diese Bilder. Blitze flammen auf, Menschen schreien in den staubigen Trümmern, laufen durcheinander, völlig unter Schock. Pamela wirkt fast verloren, wie sie da im Regen auf dem Bürgersteig steht. „Das kommt gerade alles wieder hoch“, sagt sie und kämpft mit den Tränen. Pamela war 22, als in der Diskothek „La Belle“ die Bombe detonierte. Heute, nach genau 18 Jahren, ist sie zum ersten Mal zurückgekehrt an den Ort des Geschehens: Hauptstraße 78.

Es ist eine Gruppe von vielleicht 40 Leuten, die sich am Montag vor dem Farbenmarkt versammelt, um hier wie jedes Jahr einen Kranz niederzulegen. Einige nicken sich nur kurz zu, andere nehmen sich in den Arm. Es war die Nacht zum 5. April 1986, als um 1.40 Uhr in der besonders unter Amerikanern beliebten Diskothek in Friedenau eine Bombe hochging. Drei Menschen – 21, 23 und 25 Jahre alt – starben bei dem Attentat, 200 wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Nur die Bauart des Hauses verhinderte noch Schlimmeres. „Sonst wären wie jüngst in Madrid mehrere hundert Tote zu beklagen gewesen“, sagt Rechtsanwalt Hajo Ehrig von der „Interessengemeinschaft Entschädigung für die La- Belle-Opfer“.

Die Opfer von damals stehen hier, um zu gedenken – und gleichzeitig zu protestieren. Denn 18 Jahre nach dem Anschlag hat keines der Opfer auch nur einen Cent Entschädigung erhalten. Auch, wenn sich Libyen im letzten Sommer bereit erklärte, nach den Zahlungen für die Hinterbliebenen des Lockerbie-Anschlags auch die La-Belle-Opfer zu entschädigen. Im „Hyatt“ am Potsdamer Platz haben die Anwälte Ende März zuletzt mit den libyschen Vertretern verhandelt, trotzdem verließen sie mit schlechter Kunde das Hotel: „Das Angebot ist empörend niedrig, fast beleidigend“, sagt Ehrig. Die Opferanwälte fordern pauschal 500 000 Euro für jeden Verletzten, 50 000 Euro bietet Libyen. Das nächste Treffen ist für den 15. April in Tripolis angesetzt.

Manche meiden den Ort bis heute, Katja Dames (36) kommt jedes Jahr zum Gedenken. Denn in dieser Nacht verwandelte sich die lebenslustige junge Frau, die im „La Belle“ zuletzt zu dem Prince-Lied „Kiss“ getanzt hatte, monatelang in ein verängstigtes Kind. „Wegen jeder Kleinigkeit“ begann sie zu weinen. Abends wagte sie sich nur bei Licht und laufendem Radio ins Bett – und wurde nachts trotzdem von „diesem dumpfen Knall“ aus dem Traum gerissen. Heute geht es ihr wie allen anderen hier: Der 11. September, das Attentat auf Bali, die Anschläge in Madrid – der Terror versetzt sie immer wieder in einer Art Zeitreise zurück ins La Belle. „Manche Mandanten schalten deshalb gar nicht mehr den Fernseher an“, erzählt einer der Anwälte.

Fast allen Überlebenen ist auch die Angst vor Dunkelheit, Menschenmengen und Fahrstühlen geblieben. Manche waren wochen-, andere jahrelang nicht fähig zu arbeiten. „Wir wollen endlich Genugtuung“, sagen die Opfer. Die Justiz hat sie eher enttäuscht: Über vier Jahre dauerte der Prozess, dann verurteilte das Berliner Landgericht vier Täter zu langjährigen Strafen – aber nicht lang genug. „14 Jahre! Was sind schon 14 Jahre?“, fragt eine Frau im Regenmantel. „Im Vergleich zu dem lebenslangen Leid von so vielen!“ Weil auch dem Staatsanwalt die Strafen nicht hoch genug ausfielen, hat die Anklage Revision eingelegt. Im Juni wird der Bundesgerichtshof entscheiden, ob der Mammutprozess in Berlin in eine zweite Runde geht. Die Enttäuschung der Opfer wurde im Gerichtssaal nur dadurch etwas gemildert, dass der Vorsitzende Richter in dem Urteil deutliche Worte über die Verstrickung Libyens fand: Der libysche Staat und Geheimdienst trügen „zumindest eine erhebliche Mitverantwortung“ am Attentat.

Damit stiegen die Chancen auf Entschädigung, zumal Libyen darum kämpft, das Image des Schurkenstaates loszuwerden. Doch welche Summe würde nach 18 Jahren Genüge tun? 100000 Euro? 300000? Brigitte Rodriguez zuckt mit den Achseln. Es heiße ja immer Wiedergutmachung, sagt die 36-Jährige. „Dabei geht das gar nicht. Niemals.“

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