• Der Tod des Droschkenkutschers, das vergiftete Stück Kuchen und der kopflose Frauenkörper

Berlin : Der Tod des Droschkenkutschers, das vergiftete Stück Kuchen und der kopflose Frauenkörper

Werner Schmidt

Wohl nur wenige Mordfälle haben in Berlin ein solches Medienecho erfahren wie der von Luise Nährlich. Denn er hatte alles, was so einen Fall spannend macht: Rotlichtmilieu, Prostitution, einen prominenten Mordverdächtigen - und ein Geheimnis, denn er wurde nie aufgeklärt. Die Prostituierte Luise Nährlich war am 25. Juli 1966 nahe der Kongresshalle, dem heutigen Haus der Kulturen der Welt, im Tiergarten erwürgt worden. Aufgrund von Zeugenhinweisen geriet schon bald ein bekannter Berliner Kabarettist unter Verdacht. Der Fall beschäftigte die Berliner Blätter sehr, kämpfte der Mann doch um seine Freiheit und seinen Ruf. Doch während sich die Staatsanwaltschaft kurz nach dem Mord auf Grund einer Zeugenaussage einer anderen Prostituierten sicher fühlte, den Richtigen zu haben, musste sie genau ein Jahr nach dem Mord die Einstellung des Verfahrens verlangen: Das Ergebnis der monatelangen Ermittlungen reiche nicht aus, um eine Anklage zu erheben. Auch alle weiteren Ermittlungen führten bis heute zu keinem Ergebnis.

In keinem Jahrhundert haben die Naturwissenschaften ähnlich große Fortschritte gemacht als in dem zu Ende gehenden. Profitiert von dem Fortschritt hat auch die Polizei, deren Aufgabe es ist, Täter zu ermitteln und Beweise der Schuld, aber auch der Unschuld von Verdächtigen zu sammeln. Was beispielsweise vor 20 Jahren noch wie Utopie klang, ist heute eine alltägliche Untersuchungsmethode, die Identifizierung von Opfern und Tätern anhand der DNS mit Hilfe des so genannten Gen-Tests. Trotzdem folgt die Ermittlungsarbeit den Grundlagen, die schon vor 100 Jahren galten: Die Suche nach einem Motiv, das Befragen von Zeugen, die Überprüfung des persönlichen Umfelds eines Mordopfers, um zu erhellen, wer könnte, und aus welchem Grunde, ein Feind des Getöteten gewesen sein.

Aber damals wie heute gibt es Fehlschläge. Die Liste der ungeklärten Mordfälle durch das Jahrhundert ist lang. Die im Brandenburgischen Landeshauptarchiv aufbewahrten Akten der Berliner Kriminalfälle bis 1945 verzeichnen auch einige ebenso makabere wie skurrile Fälle, mit denen sich die Ermittler befassen mussten. So erschien am 5. April 1928 ein Busschaffner mit einem Koffer in der Hand auf dem Polizeirevier an der Sonnenallee in Neukölln. Als die Beamten den Koffer öffneten, blieb ihnen zunächst die Luft weg: Sie blickten auf zwei tote Neugeborene. Der Schaffner fand den Koffer, als er an der Endstation der damaligen Buslinie 24 am Hermannplatz den Wagen inspiziert hatte.

Zwei Totgeburten

Die Berliner Mordkommission konnte den Fall aber schon bald zu den Akten legen. Beide Säuglinge waren Totgeburten im Rudolf-Virchow-Krankenhaus und sollten zu einem Professor in der Klinik am Friedrichshain gebracht werden. Damit beauftragt wurde der damals 34-jährige Leichendiener Oswald Helke. Aber er vergaß beim Umsteigen den Koffer samt Kindesleichen, was auch einen tiefen Blick auf die Art der Leichentransporte in dieser Zeit zulässt.

Die Akten der Mordkommission belegen, dass heute wie vor über 100 Jahren die Klärung von Morden an Droschkenkutschern zu einer der schwierigsten Aufgabe gehört. So ist der Mord an dem Droschkenkutscher Wilhelm Gollmert seit 102 Jahren ungeklärt. Der 51-jährige Familienvater war am Morgen des 1. Oktober 1897 auf der Fahrt zum Tempelhofer Feld (heute Flughafen Tempelhof) erschlagen worden. Zeitgenössischen Zeitungen zufolge präsentierte die preußische Polizei auch bald einen Tatverdächtigen und ein Motiv. Gollmert war mit einem Müllkutscher in Streit geraten, wofür es offenbar damals wie heute keiner besonderen Anstrengungen bedurfte. Den Streit räumte der verhaftete Verdächtige ein, das Tötungsdelikt dagegen konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Die Polizei musste ihn wieder auf freien Fuß setzen.

Diese Tat blieb ebenso ungesühnt, wie über 90 Jahre später die Morde an den Taxifahrern Ahmed Bourain, Wolfgang Butthoff und Roland Roth. Bourain wurde Ende Dezember 1988 in Zehlendorf in seinem Wagen erschossen, Butthoff am 20. November 1993 in Friedrichshain erstochen. Der Mord an Roth weist sogar eine Parallele mit dem Fall Gollmert von 1897 auf. Auch im Fall Roth hatte die Mordkommission einen Verdächtigen verhaftet und musste ihn schließlich mangels Beweisen wieder entlassen.

Wenn sich Erwachsene an Kindern vergehen, diese sogar umbringen, ist das Bedürfnis der Öffentlichkeit, die Täter hart bestraft zu sehen, sehr groß - ebenso wie die Ungeduld und die Enttäuschung bei ungeklärten Fällen. So wie dieser. Nachdem Suchhunde die Leiche der vermissten elf Jahre alten Hilde Zäpernick aus Charlottenburg am 12. August 1929 gefunden hatten, stellten Gerichtsmediziner bald fest, dass das Kind sexuell missbraucht worden war. Der Täter hatte die Leiche in einem Keller einen Meter tief verscharrt. Unter dringendem Verdacht wurde der damals 40-jährige Richard Schulz festgenommen, ein Wächter auf dem Gelände, auf dem die Kindesleiche gefunden worden war. Er hatte Hilde sein Bild geschenkt und sich zudem vier Jahre lang an seiner eigenen Tochter von deren neunten Lebensjahr an vergangen. Die Mutter der Neunjährigen hatte dem Treiben ihres Mannes tatenlos zugesehen, sie war selbst als Kind vom Stiefvater sexuell missbraucht worden, sagen die Akten. Nach Meinung der Kriminalpolizei waren all dies Indizien dafür, dass Schulz den Mord begangen hatte. Aber dieser bestritt vehement, und er wurde wegen des Mordes auch nicht verurteilt. Der Ausgang des Gerichtsverfahrens ist nicht in der Chronik verzeichnet.

In der Geschichte der Berliner Mordkommission hat nach 1945 das Schicksal des 16-jährigen Schülers Tilman Zweyer besondere Aufmerksamkeit erregt, die "BZ" sprach gar von einem der rätselvollsten Verbrechen der Nachkriegszeit. Der Junge starb Anfang November 1956 an einem vergifteten Eclair. Die Tüte mit den Kuchenstücken hing an der Tür des Hauses Finckensteinallee 130 in Lichterfelde, in dem der Junge mit seiner Familie wohnte. "Till" war auf die Tüte gekritzelt - eine Aufmerksamkeit der Kirchengemeinde, dachte Tills Familie. Der Junge war dort als Oberministrant aktiv. Nur einen Bissen nahm er von dem Eclair. Seine Geschwister, die davon ebenfalls kosteten, spuckten es wegen des bitteren Geschmacks wieder aus. Aber dieser eine Bissen reichte aus, um Till zu töten.

Der Tatverdacht richtete sich gegen die Apothekerin Stefanie Burgmann. Vor Gericht konnte der Frau, die beharrlich alles bestritt, die Tat anhand der vorhandenen Indizien nicht nachgewiesen werden. Dennoch wurde die Frau in einem späteren Prozess zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Frau im Zehlendorfer Behring-Krankenhaus, wo sie für die Klinik-Apotheke verantwortlich war, Medikamente unterschlagen hatte. Außerdem wurde sie wegen Verleumdung und Beleidigung, die sie in zahlreichen anonymen Schreiben an die Familie Zweyer geäußert hatte, verurteilt.

Am Abend des 29. Oktober 1975 verließ der 11-jährige Erik Schumann die Wohnung seiner Eltern an der Reuterstraße. Die Leiche des Jungen wurde nur etwa zwei Stunden später in einem Koffer gefunden, den der Täter an einer Bushaltestelle an der Sonnenallee abgestellt hatte. Der Sexualtäter hatte den Körper des schmächtigen Schülers in einen 80 Zentimeter breiten, 50 Zentimeter hohen und 20 Zentimeter tiefen graubraun gemusterten Plastikkoffer gepfercht. Unter Verdacht wurde ein damals 35-jähriger Türke festgenommen. Aber vor Gericht reichten die Beweise gegen den Verdächtigen für eine Verurteilung nicht aus.

So blieb der Tod an Erik Schumann ebenso ungeklärt wie das Verschwinden von Marcel Hermeking. Der in der Gaudystraße in Prenzlauer Berg wohnende Schüler wollte im Oktober 1997 zum Kinderfest auf dem Alexanderplatz. Er kam dort wahrscheinlich nie an. Bisher ist noch nicht einmal die Leiche des Jungen gefunden worden, obwohl die Polizei sämtliche Häuser um den Alexanderplatz sowie Wälder und Seen in Brandenburg absuchte. Einem Verdächtigen, der einräumte, Hermeking zu kennen, konnte nicht nachgewiesen werden, dass er mit dem Verschwinden des Jungen zu tun hat.

Der Fall ist ebenso rätselhaft wie der Fall Manuel Schadwald. Der 12-Jährige aus Tempelhof war im Juli 1993 auf dem Weg ins Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ) in der Wuhlheide verschwunden. Spuren von ihm gibt es auch sechs Jahre später nicht. Aber es halten sich immer noch Gerüchte, wonach das Kind seinerzeit von Menschenhändlern verschleppt worden sein soll und im belgischen oder niederländischen Kinderpornomilieu gezwungen werde, an Pornofilmen mitzuwirken. Belege dafür konnte aber niemand beibringen.

"Heiratsschwindler von Format"

Über den Tod des 35-jährigen Paul Ruhnau kann man viel spekulieren und jede Vermutung mag richtig sein oder nicht. Der Mord an dem Heiratsschwindler jedenfalls ist seit 64 Jahren ungesühnt. Seine Leiche wurde am 13. August 1935 im Keller des Hauses Ritterstraße 20 in Berlin SW (ehemals Kreuzberg 61) gefunden. Die Polizeiakten von damals verzeichnen: "Er unterhielt mit einer Vielzahl von Frauen Verbindungen, die durch Ruhnau um mehr oder minder hohe Geldbeträge geprellt wurden. Dass die Frauen in geradezu leichtfertiger Weise Geld freiwillig zur Verfügung stellten (in Höhen von weit über 1000 Mark) lag auch daran, dass er es verstand, den Geschlechtsverkehr mit ihnen mit großen Finessen auszuführen. Er war ein Heiratsschwindler von großem Format", vermerkte der damalige Chronist nicht ohne ein Quentchen Bewunderung.

Der Krieg neigte sich bereits seinem Ende zu, wenn es auch noch keiner richtig wahrhaben wollte. Die Versorgung der Bevölkerung wies immer größere Lücken auf, eigenes Obst im Garten zu haben, war im September 1944 wichtiger als ein gut gefülltes Bankkonto. Deshalb war der 47-jährige Otto Karmoll auch erpicht darauf, den Dieb, der am Abend des 9. September auf dem Grundstück am Hortensienweg in Lichterfelde-West seinen Birnbaum plünderte, der Polizei zu übergeben. Plötzlich fielen zwei Schüsse. Karmolls Ehefrau, die sich in der Laube aufgehalten hatte, sah, wie jemand weglief und fand ihren sterbenden Mann unter dem Baum. Obwohl die Polizei damals eine Belohnung von 5000 Reichsmark aussetzte, wurde der Täter nie gefasst.

Häufig muss die Polizei, bevor sie den Mörder jagen kann, zunächst erst einmal mühselig das Opfer identifizieren. Der Hund eines Försters grub am Morgen des 6. April 1981 im Spandauer Forst die bereits teilweise verweste Leiche einer Frau aus. Trotz umfangreicher Ermittlungen in ganz Europa und Anfragen nach Übersee konnte die Identität des Mordopfers nie geklärt werden. Nirgends gab es eine Vermisstenmeldung, die zu dem Mordopfer gepasst hätte. Es schien, als habe die Frau zu ihren Lebzeiten weder Angehörige noch Freunde oder Bekannte gehabt, die sich um ihr Verschwinden Gedanken machten.

Gerichtsmediziner rekonstruierten anhand der Gesichtsknochen den Kopf der Unbekannten. Aber auch das brachte die Mordkommission keinen Schritt weiter. Noch heute hängen in einigen Bereichen des Polizeipräsidiums am Platz der Luftbrücke vergilbte Fahndungsplakate, auf denen Schmuck- und Kleidungsstücke der Toten abgebildet sind.

Als ein Jagdpächter am 25. März 1997 im Landschaftsschutzgebiet Lewitz in Mecklenburg-Vorpommern die kopflose Leiche einer Frau fand, ahnte keiner, dass es sich um die seit vier Tagen verschwundene Berlinerin Ilse-Maren Graalfs handelte. Vermisst hatte die allein lebende ehemalige Ehefrau des Bauunternehmers Dieter Graalfs zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Erst am 2. April geben Freunde eine Vermisstenanzeige auf. Da war die enthauptete Leiche aber noch nicht einmal identifiziert. Dies gelang erst Wochen später. Als die Mordkommission ihre Ermittlungen dann in Berlin aufnimmt, stellen die Beamten einige Merkwürdigkeiten fest, die bis heute nicht geklärt sind. Ebenso wenig, wie bisher der Kopf der Toten gefunden wurde.

Allerdings tauchte ihr Wagen auf - in dem düsteren Hamburger Stadtteil St. Georg. Wie er dorthin kam? Ein Antwort auf die Frage steht aus. Ebenso wenig ist bekannt, wo der Schmuck des Opfers im Wert von über 100 000 Mark geblieben ist. Der Safe in der Wohnung von Maren Graalfs stand offen, es schien, als habe sie die Wohnung in großer Eile verlassen. Oder der Mörder nahm ihr die Schlüssel ab und sah sich anschließend ungestört und in aller Ruhe dort um. Aufgetaucht ist auch von dem gestohlenen Schmuck bisher kein einziges Stück.

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