Berlin : Der Tod schmeckt nach Erdnussbutter

Kammerjäger Heiko Bienentreu jagt Mäuse und Ratten – unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Michael Mößlein

Kammerjäger Heiko Bienentreu ist ein geschickter Verführer. Sorgfältig bestreicht er die Giftköder, mit denen er Mäuse und Ratten jagt, mit Erdnussbutter. Ihr Tod bekommt so einen Beigeschmack, den sie lieben.

Unverdächtig weiß ist der Fiat lackiert, mit dem Kammerjäger Bienentreu sich durch den Vormittagsverkehr schlängelt. Er ist unterwegs zu Kunden. Ihnen ist diese Unauffälligkeit nur recht: Wer sich mit Mäusen oder Ratten herumplagt, will nicht, dass sich das herumspricht. Den Gesundheitsämtern wurden 2006 insgesamt 5273 Fälle mitgeteilt, in denen gegen Ratten vorgegangen wurde, hauptsächlich im Zentrum Berlins. Der Landesverband der Schädlingsbekämpfer hat für 2006 dagegen 31 300 Einsätze gegen Ratten errechnet. Der 47-Jährige trägt einen Alukoffer in der Hand. Er könnte auch als Klempner, Elektriker oder Heizungsmonteur durchgehen. Sein Auftritt in blauer Arbeitsjacke und beige-grüner Hose gibt keine Hinweise auf den Grund seines Besuchs.

In der Backstation des Supermarkts sind Mäuse aktiv. Bevor Bienentreu hinter den Backwarentresen tritt, zieht er sich einen weißen Kittel über und steckt sich diskret vier Mäuseköder in die Jackentaschen. Der Kammerjäger überspielt den Grund seines Besuchs, indem er mit der Verkäuferin scherzt: „Soll ich Blumen mitbringen?“ Er zeigt auf die Weihnachtssterne neben ihm. Sie lacht.

Beide kennen sich, der Kammerjäger ist nicht zum ersten Mal hier. Mit stummen Fingerbewegungen markiert er die Stellen, an denen er die Köder auslegt: unter dem Spülbecken und hinter den beiden Backöfen. Das Wort Mäuse erwähnt niemand. Die Kundin, die zwei Toscana-Semmeln kauft, ahnt nicht, dass sie eben einen Kammerjäger bei seiner Arbeit beobachtet.

Tote Tiere zu beseitigen ist Bienentreus Alltag, sozusagen emotionaler Normalbetrieb. Die Routine endet bei ihm, wenn er Ungeziefer in Wohnungen entfernen muss, in denen längere Zeit tote Menschen gelegen haben. „Das ist ein bis zwei Mal im Jahr“, sagt er. Seine ruhige, manchmal fast monotone Stimme bricht ab. Bienentreu hat in den zehn Jahren als Kammerjäger viel gesehen. Und gelernt, dass er nicht über alles reden sollte. Auch wenn keine Leichen im Spiel sind. „Es gibt Wohnungen, in denen würde ich nicht mal gekochtes Wasser trinken“, sagt er später.

Die Mäuse und Ratten verenden in der gleichen Verborgenheit, in der Bienentreu ihnen nachstellt. Nur ihre Spuren tragen stets den gleichen Geruch: den nach Erdnussbutter. Warum er die Nager nicht mit dem sprichwörtlichen Speck fängt, verrät der Kammerjäger ganz zum Schluss: „Mäuse sind grundsätzlich Vegetarier. Speck mögen die gar nicht so gern.“ Michael Mößlein

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