Berlin : Der tollkühne Orville in seiner fliegenden Kiste

100 Jahre Motorflug: Den Kaiser hat der Besuch des Flugpioniers Wright im Jahr 1909 nicht interessiert, das Volk aber war begeistert

Andreas Conrad

Der Kaiser? Hatte Besseres zu tun. Meinte er jedenfalls. Sonst verpasste er kaum eine Gelegenheit, das Tempelhofer Feld zu besuchen, ließ begeistert seine Truppen paradieren und exerzieren. Aber der Beginn des Motorflugs in Deutschland? Nicht mit ihm.

Das Desinteresse Seiner Majestät wurde von der kaiserlichen Familie keineswegs geteilt. Kronprinz Wilhelm und Kronprinzessin Cecilie hatten sich an diesem denkwürdigen 4. September 1909 eingefunden, als Orville Wright mit seinem aus Amerika mitgebrachten Doppeldecker zu einem 19 Minuten währenden Demonstrationsflug startete. Sogar die Kaiserin hatte sich aufs Tempelhofer Feld chauffieren lassen, anders als ihr Gemahl interessierte sie sich nicht nur für Zeppeline.

In wenigen Tagen jährt sich zum 100. Mal die Pioniertat von Orville und Wilbur Wright, die als Geburtsstunde des Motorflugs gilt. Am 17. Dezember 1903 gelang den beiden Brüdern im Küstennest Kitty Hawk, North Carolina, der erste, zwölf Sekunden dauernde Flug im Doppeldecker. Drei weitere Flüge folgten am selben Tag, der letzte mit 56 Sekunden und 260 Metern. Vorgänger wie der Hannoveraner Karl Jatho oder der in die USA ausgewanderte Deutsche Gustav Weißkopf hatten es allenfalls zu Hopsern gebracht.

Das Jubiläum wäre Anlass genug für eine Sonderausstellung im Deutschen Technikmuseum, die Eröffnung des Neubaus mit der Schifffahrtsabteilung ließ dafür aber keinen Raum. Immerhin hätte Holger Steinle, Leiter der Luftfahrtabteilung, eine Pilotenbrille zeigen können, die Flugpionier Orville Wright in Berlin zurückließ, als Geschenk für einen Mechaniker, der seine Maschine während der Flugwochen 1909 gewartet hatte. Bis in die 40er Jahre hatte es in Berlin sogar einen Wright-Flyer gegeben, als Teil der alten Luftfahrtssammlung, die sich etwa dort befand, wo heute das Kanzleramt steht. 1943 wurde die Maschine nach Hinterpommern verlagert, nach dem Kriege blieb sie verschwunden.

Das aus Berliner Sicht interessantere Fluggerät hat ohnehin das Deutsche Museum München zu bieten, das in einer Sonderausstellung an die Wright-Brüder erinnert: das Originalflugzeug, mit dem Orville Wright den Berlinern – und wenig später auf dem Bornstedter Feld den Potsdamern – gezeigt hatte, was Fliegen bedeutet. Das Flugzeug, die zweisitzige Serienausführung des Ur-Flyers, war von dem Verleger August Scherl („Berliner Lokalanzeiger“, „Gartenlaube“) gekauft und 1912 in Berlin in der Allgemeinen Luftfahrzeug-Ausstellung gezeigt worden. Im April 1918 stiftete er die Maschine dem Deutschen Museum in München, wo sie seither steht und selbst den Krieg überstand.

Scherl war es auch gewesen, der Wright zu seinen Flugvorführungen nach Berlin eingeladen hatte. Das deutsche Kaiserreich war für die Motorflieger noch Entwicklungsland. Andere Länder wie beispielsweise Frankreich waren da viel weiter, während man hierzulande eher auf die imposanten Luftschiffe setzte. Auch Wilhelm II. konnte sich für die Knatterkisten nicht recht erwärmen, tat die Fliegerei auf dem Tempelhofer Feld nur als „närrische Akrobaten-Kunststücke“ ab. Das Volk aber strömte massenhaft aufs Exerziergelände, sogar Sonderzüge mussten eingesetzt werden. Zwischen dem 4. und dem 21. September zeigte Wright sein fliegerisches Können, stellte dabei mit 172 Metern auch einen Höhenrekord sowie einen weiteren im Zweipersonenflug auf. Und er gründete eine Firma: die Flugmaschine Wright GmbH mit Sitz am Nollendorfplatz, die auf dem Flugplatz Johannisthal bis 1913 rund 60 Doppeldecker produzierte. Ein Pionier mit Geschäftssinn.

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