Berlin : Der Ton auf den Arbeitsämtern wird zunehmend gereizter

SIGRID KNEIST

Seit 1995 Schulungen für Mitarbeiter zum Umgang mit KonfliktsituationenVON SIGRID KNEISTBERLIN. Die Zahlen sprechen für sich.Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist dramatisch: Im vergangenen Monat war mit 263 100 Arbeitslosen in Berlin wieder ein Negativrekord aufgestellt worden.Bei den Arbeitsämtern herrscht deswegen Hochbetrieb, die Warteschlangen auf den Fluren werden länger, die Sachbearbeiter müssen Anträge über Anträge abarbeiten.Und der Ton wird bei vielen angesichts der derzeit aussichtslosen Lage rauher. Darüber sind sich alle einig.Besonders zur Quartalswende, wenn die meisten Kündigungen wirksam werden, und der Andrang bei den Ämtern zunimmt. "Zweimal täglich dumme Kuh genannt zu werden, das ist schon normal", heißt es in einem Amt.Vor zwei Jahren begann das Landesarbeitsamt Berlin-Brandenburg, für die Beschäftigten bei den Arbeitsämtern Fortbildungslehrgänge zur besseren Bewältigung von Konfliktsituationen einzurichten. In einem zweitägigen Kursus können die Mitarbeiter ihre Erfahrungen austauschen, in Rollenspielen Verhaltensweisen in bestimmten Situationen üben und von Psychologen Hinweise erhalten.Rund 70 Lehrgänge mit durchschnittlich 14 Teilnehmern wurden seit 1995 abgehalten.Wie die Ausbildungsleiterin des für Tiergarten, Wedding und Reinickendort zuständigen Arbeitsamtes V, Petra Wiersgalla, sagt, soll diese Maßnahme neben der Fortbildung der Mitarbeiter auch zu einem bürgernäheren Service führen. Wut und Aggressionen entladen sich zumeist in verbalen Attacken, oft ist dann auch Alkohol im Spiel.Tätliche Angriffe sind jedoch selten."Daß zugeschlagen wird, bleibt die Ausnahme", sagt Christa Pfaff, Personalratsvorsitzende vom Arbeitsamt in Prenzlauer Berg.So drohe zwar mal ein Besucher mit einem schweren Locher, lasse ihn dann aber doch sinken.Andere wollen sich weigern, ein Zimmer zu verlassen, bis sie die gewünschte Antwort oder Leistung zugesagt bekommen. Manche Konfliktsituation läßt sich nach den Worten der Personalrätin auch schon entschärfen, wenn ein weiterer Mitarbeiter oder ein Vorgesetzter eingeschaltet wird. Kommt es wirklich zu Tätlickeiten gegen die Sachbearbeiter, wird die Polizei gerufen und Anzeige erstattet.Dies geschehe nicht häufig, komme aber ungefähr alle ein bis zwei Monate einmal vor, lautet die Erfahrung des stellvertretenden Direktor des Arbeitsamtes III (Charlottenburg und Spandau), Achim Tübbicke.In derartigen Fällen erteilt das Amt ein Hausverbot.Der davon Betroffene erhält dann zwar weiter seine Leistungen, darf aber nur nach Anmeldung das Amt betreten und begleitet zu dem Sachbearbeiter gehen. Die dramatische Lage auf dem Arbeitsmarkt und Kürzungen bei den Leistungen führen auch bei den Sozialämtern zu mehr Arbeit und Streß.Die Zahl der Sozialhilfeempfänger stieg in Berlin in den letzten Jahren auf 194 000.Entsprechend nahm auch die Belastung der Mitarbeiter zu.Allein in Kreuzberg erhalten derzeit rund 24 100 Menschen Sozialhilfe, im November 1995 waren es noch 17 300.Jeder Sachbearbeiter muß dort inzwischen 150 bis 180 Fälle bearbeiten, zwei Jahre vorher belief sich die Zahl auf 100 bis 110."Die Beratung kommt da in vielen Fällen zu kurz", sagt Jürgen Keil, Leiter des Kreuzberger Amtes.Auch die Wartezeiten für die Sozialhilfeempfänger werden schon mal länger, auf den Fluren sitzen immer mehr Menschen.Dazu kommen eventuell Frust und Enttäuschung über die eigene schlechte Lage, die sich dann eventuell im Zimmer des Sachbearbeiters entladen kann. Aus diesem Grund werden nach Keils Angaben schon seit etlichen Jahren Lehrgänge an der Verwaltungsakademie und der Akademie für Gesundheit und Sozialhilfe angeboten, die mit psychologischer Hilfe auf derartige Streßsituationen vorbereiten.Rund die Hälfte der Mitarbeiter habe bisher an diesen Fortbildungsveranstaltungen teilgenommen.

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