Berlin : Der Ton macht die Musik

Muhabbet, Sänger und Unicef-Botschafter für Bildung, zeigte Neuköllner Hauptschülern neue Perspektiven

Annette Kögel

Sagt eine Hauptschülerin gestern auf dem Schulhof in Neukölln zur anderen: „Komm, gehen wir Aula!“

Soweit das Klischee: Die können ja sowieso nur Türkendeutsch. Die Realität an der Kepler-Hauptschule in der Zwillingestraße ist anders. Das wird dieser Tag zeigen, an dem der Popsänger Muhabbet erst oben in der Aula auftritt und dann mit Schülern diskutiert. Der türkischstämmige Arabesk-Sänger, in Köln aufgewachsen, der mit beinahe kitschigen Texten und leidenschaftlich in der Höhe vibrierender Stimme die Klingelton-Charts („Sie liegt in meinen Armen“) erobert, hat gerade die CD „R’n Besk“ herausgebracht, auch das spielt beim Auftritt in der Schule natürlich eine Rolle. Aber wichtiger ist, dass der 21-jährige Wahl-Kreuzberger Botschafter von Unicef ist für die Bildung von Mädchen in der Türkei sowie ein Kopf der „Schau nicht weg“-Kampagne gegen Gewalt der Zeitschrift Bravo.

Beim Kurzkonzert halten die Jugendlichen ihre Fotohandys in die Höhe wie frühere Fangenerationen ihre Feuerzeuge. Muhabbet – was auf Türkisch gemütliche Unterhaltung, aber auch Liebe bedeutet – kokettiert mit frühem Aufstehen und noch nicht erwachter Stimme, singt scherzhaft „Alle meine Entchen“ mit arabischem Singsang sowie sein neues Lied „Ich will nicht gehen“ – und kommt dann zur Sache. „Manche sagen, wir erreichen sowieso nichts, wir sind Ausländer, aber ich sage: Jeder kann es schaffen. Wir leben in Deutschland, das ist ein schönes Land, das viele Perspektiven bietet – jeder von euch sollte für seinen Abschluss kämpfen. Wie schön die Schulzeit ist, merkt man erst, wenn sie vorbei ist. Und wer will schon von Hartz IV leben. “ Applaus.

Dann geht es im blitzblanken Schulhaus hinauf in Raum 202, hier wird der Müll getrennt gesammelt. Die Klasse 8.2 hat sich mit Lehrerin Viola Sperling vorbereitet. Savas Bas, 15, und Youssef Fakhro, 14, stellen abwechselnd die Fragen. „Wie bist du Star geworden?“ Star, so sehe er sich nicht, er sei Künstler, antwortet Muhabbet in akzentfreiem Deutsch. „Ich mache jetzt meine Arbeit, die ich liebe.“ Reich sei er nicht und er brauche auch keine fünf Autos oder Mädchen, die ihn massieren, wie es die Videos suggerieren. Wie sie es ebenfalls schaffen können, fragt Savas im Namen der Schüler. „Es fängt alles im Kopf an, dann stehst du auch pünktlich auf und verfolgst dein Ziel konsequent.“ Als der Sänger sagt, dass es hier, anders als in der Osttürkei, ein Segen sei, dass man mit fünf in die Schule komme und Lehrer sich um einen bemühen, nicken viele. Auch, als er sie bittet, sich einzumischen, wenn jemand angegriffen werde. Dann befragt Muhabbet die Schüler. Ja, antworten diese, es würde etwas bringen, wenn mehr Lehrer nichtdeutscher Herkunft als Vorbilder etwa an der Rütli-Schule arbeiten würden. „Dass die Medien den Schülern dort Geld bezahlt haben, damit sie Steine schmeißen und Schimpfwörter sagen, und sie jetzt deswegen Probleme haben, ist schlimm“, meint Savas. Dann sagt er, Muhabbet müsse unbedingt seine Schwester Filiz singen hören. Er holt sie extra aus einer anderen Klasse – und die 16-Jährige stellt sich vorne hin vor all den Kamerateams und singt Acapella „Es brennt mir etwas auf der Seele“. Filiz solle gern mal zum Vorsingen kommen, sagt Muhabbet.

Die meisten Serben, Libanesen, Kurden, Inder, Iraker und Deutschen aus der 8.2., die hier engagiert diskutieren, werden in zwei Jahren wohl in der langen Schlange vorm Jobcenter um die Ecke stehen. „Von meinen Schülern finden vielleicht zwei, drei pro Klasse eine Lehrstelle“, sagt Schulleiter Wolfgang Lüdtke. Dabei schreiben die Lehrer zusätzlich Zertifikate, etwa über den Sieg bei einem Musikwettbewerb, mit dem Song „Du bist so wunderschön“. Dann geht es wieder die Treppen hinunter in dieser Schule, deren Lehrer Peter Bucksch im Kinofilm über Jugendgewalt in Neukölln mitspielt und die mal wegen Waffenfunden in die Boulevard-Schlagzeilen geraten war.

Auf dem Hof läuft ein junger Mann, Typ Südländer, Statur Schrankwand, mit ultrakurzen Haaren auf eine Besucherin zu. Er sagt: „Darf ich Ihnen behilflich sein?“ Knallhart Neukölln.

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