Berlin : Der Traum vom Reisen

Für Familien mit knapper Kasse gibt es kaum noch günstige Ferienfahrten. Spender und Stifter helfen.

Franziska Felber
Familienzusammenhalt. Jana Lier mit einigen ihrer Kinder und Enkel. Urlaub für alle? Unbezahlbar. Damit die Kleinen mal rauskommen, ermöglichen die Eltern es einigen, an einer Integrationsreise teilzunehmen. Auch Workcamps sind eine günstige Alternative. Foto: P. Zinken
Familienzusammenhalt. Jana Lier mit einigen ihrer Kinder und Enkel. Urlaub für alle? Unbezahlbar. Damit die Kleinen mal...

Familie Lier war noch nie gemeinsam im Urlaub. Familienoberhaupt Jana Lier, 43, weiß nicht einmal, wann sie selbst zuletzt weggefahren ist. „Da war ich noch ein Kind“, sagt sie. Jana Lier hat neun Kinder, das jüngste trägt sie auf dem Arm. Evangelina ist eineinhalb Jahre alt. Die Älteste, die 24-jährige Stefanie, hat selbst schon vier Geburten hinter sich.

Aber man glaubt Jana Lier sofort, dass sie und ihr Mann mit ihren neun Kindern und sechs Enkelkindern problemlos verreisen könnten. „Das ist nur eine Frage der Organisation“, sagt sie. Es seien aber die Kosten eines Urlaubs mit Großfamilie, die eine gemeinsame Reise unmöglich machen. Die Familie aus Friedrichsfelde lebt von Hartz IV. Dass ihre Kinder dennoch ab und zu aus Berlin herauskommen, ist Jana Lier wichtig. Seit Jahren nimmt sie ein Angebot der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (IJGD) wahr. Kinder aus einkommensschwachen Familien können schon für knapp 90 Euro zwei Wochen verreisen.

Es ist ein Überbleibsel eines einst umfangreichen Angebots. Die staatliche Förderung von Kinder- und Jugendreisen ist seit den neunziger Jahren um bis zu 30 Prozent gesunken. Eine Studie des Bundesforums Kinder- und Jugendreisen von 2009 belegt, dass Kinder aus einkommensschwachen Familien deutlich weniger verreisen als Kinder, die nicht sozial benachteiligt sind. Dass auch Kindern aus armen Familien eine Ferienreise ermöglicht wird, dafür wird in den Bezirken nur auf freiwilliger Basis gesorgt. Lourens de Jong von den IJGD beurteilt die Situation in Berlin: „Hier herrscht absoluter Kahlschlag.“

Teilweise bieten die Bezirke gar keine Ferienreisen mehr an, so wie Lichtenberg, Tempelhof-Schöneberg und Steglitz-Zehlendorf. In Friedrichshain-Kreuzberg setzt sich Bezirksstadträtin Monika Herrmann (Die Grünen) dafür ein, dass das Angebot nicht ganz verschwindet. „Das ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder.“ Der Bezirk stellt jährlich 150 000 Euro zur Verfügung. Die Reisen gehen an den Wannsee, nach Konradshöhe, Bad Münder in Niedersachsen. In einigen Bezirken gibt es zudem die Möglichkeit, Stiftungsgelder für Reisen zu beantragen.

Freie Träger wie IJGD fangen das fehlende Angebot teilweise auf. Das älteste Lier-Kind, Stefanie, war zehn Jahre alt, als sie zum ersten Mal bei den IJGD mitfuhr. Stefanie liebt ihre Geschwister, Kinder, Neffen und Nichten – das zeigen schon die 13 tätowierten Namen auf ihrem Rücken. „Es tat trotzdem gut, mal rauszukommen"“, sagt sie. Auf einer ihrer sechs Reisen mit den IJGD hat sie auch ihre ehemals beste Freundin kennengelernt. Der Kontakt besteht bis heute.

Für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien können Eltern Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket von jährlich bis zu 120 Euro beantragen. Der Betrag kann als Ganzes für Ferienreisen verwendet werden. Als förderfähig gelten alle Angebote von Trägern der freien Jugendhilfe. Der Landesjugendring Berlin e. V. rät Eltern, sich an die Träger direkt zu wenden, da es dort zum Teil individuelle Zuschüsse gibt.

In den neunziger Jahren veranstaltete der Landesverband der IJGD, einer der führenden Anbieter, noch mehr als 20 Erholungsfahrten für sozial benachteiligte Kinder. Heute sind von dem Angebot noch vier Integrationsreisen übrig, bei denen behinderte mit nicht behinderten Kindern verreisen. „Die Unterstützung wurde einfach weggespart“, sagt de Jong, der für die Integrationsreisen der IJGD zuständig ist. Vor 25 Jahren schossen die Bezirke für die Ferienreisen noch 60 D-Mark pro Tag und Kind an die Jugendverbände zu. Heute zahlt der Senat einen Tagessatz von bis zu acht Euro. Nur bei den Integrationsreisen sind es 27,75 Euro. Daneben gibt es vereinzelt Angebote, die durch private Spenden und durch Stiftungen finanziert werden. So etwa der Deutschen Schreberjugend in Berlin, bei dem Spender mit je 380 Euro einem Kind den Platz im dreiwöchigen Sommercamp finanzieren. Auch im „Gussower Erlebniscamp“ der Berliner Stadtmission in Brandenburg werden Plätze durch Stiftungsgelder und Spenden finanziert. Sie ermöglichten 2011 rund fünfzig Berliner Kindern eine Ferienfahrt. Für Jugendliche ab 14 Jahren gibt es zudem Workcamps, An- und Abreise werden selbst bezahlt, Unterkunft und Verpflegung verdienen sich die Jugendlichen durch soziale Arbeit.

Die Integrationsreisen, die einen Großteil des Angebots ausmachen, sind nun ebenfalls bedroht. Für behinderte Kinder wird bei den Bezirken ein Mehrkostenzuschuss beantragt. Das sind 51 Euro pro Tag, bei einer zweiwöchigen Reise also 714 Euro. Einige Bezirksämter sperren sich. Aus Pankow etwa komme gar nichts mehr. Zufrieden sind die Verbände allein mit Treptow-Köpenick und Neukölln. Werden die Mehrkosten nicht mehr bezahlt, können weniger behinderte Kinder mitfahren. Das wiederum bedroht die erhöhten Zuschüsse aus dem Senat.

Bei den Liers nehmen Leticia und Jeremy, beide 10, in diesen Sommerferien zum ersten Mal an einer Integrationsreise der IJGD teil. Auch Kenny, 13, und Chris, 18, sind wieder dabei. Am liebsten würde Jana Lier einmal die gesamte Familie einpacken und mit allen an die Ostsee fahren. Dort ist sie als Kind oft gewesen. Jana Lier ist Einzelkind.

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