Berlin : Der Traumwandler

Gardenien für Madonna: Thomas Greb inszeniert Dekorationen für Promi-Ereignisse und verzaubert Wohnungen

Thomas Loy

Der Schwan, der unter der Schlafzimmerdecke Richtung Tür segelt, wird bald ein Adventskranz sein. Mit Tannengrün unterm Schnabel und Kerzen auf den Flügeln. In einer früheren Phase seines Ausgestopftseins hing der Schwan im Schaufenster des KaDeWe, machte Werbung für das Meissener Porzellanservice „Schwanensee“, ein anderes Mal wurde er in einer Märchenlandschaft im alten Ofensaal der Porzellanschmiede KPM ausgesetzt. Thomas Greb schaut seinen Weißgefiederten an, spricht vom schaurig-schönen Schrecken, den er in der Vorweihnachtszeit verbreiten wird, verwahrt sich energisch gegen alles Romantiksäuseln und Liebhabergeraune und sagt: „Das ist keine Spielerei, sondern knallhartes Business.“ Anschließend durchzuckt ihn dieses unverwechselbare Kleines-Teufelchen-Kichern.

Thomas Greb, 38, ist Florist und Dekorateur. Das klingt etwas dröge, deshalb sagt Greb, er inszeniere Räume. Ein Raumregisseur also. Er hat die After-Show-Party von Madonna in Berlin mit Blumenobjekten in eine „Orientalische Nacht“ verwandelt. Zusätzlich wollte er Madonnas Garderobe mit tausend Gardenienblüten, ihrer Lieblingsblume, ausstatten, aber das kam den Produzenten dann doch zu teuer. Für Helmut Newton hat er den Saal für seine Buchpräsentation mit Nelken und 60er- Jahre-Accessoires präpariert. Das war mutig, denn Newton hatte sich ausdrücklich gegen jede Ornamentierung verwahrt. Für die Familie von Bismarck inszenierte Greb eine schöne Trauerfeier im Mausoleum der Familie.

Ganze Häuser krempelt er um, wenn seine Kunden ihn lassen. Blumen müssen dabei nicht unbedingt die Hauptrolle spielen. Damit Auftraggeber eine Ahnung haben, was sie erwartet, inszeniert Greb auch seine Wohnung am Tempelhofer Ufer. Rechts der Spiegelsaal mit Esstischstühlen aus transparentem Plastik, einem feuerrotem Flokatisofa und Neonschrift an den Wänden. Mittig das Clubzimmer, in Goldfolie verpackt, mit Sofaschlangen und einem Leuchter aus Muranoglas, für den die vier Meter Raumhöhe längst nicht reichen. Links das Schlafzimmer mit Rollos aus zusammengeklebten Buchseiten (was Erotisches aus dem Taschen-Verlag), Riesenbogenstehlampen auf Marmorsockeln, einer Sammlung historischer Brautbilder und dem erwähnten Schwan als Deckenleuchte.

Auf Messen und Ausstellungen kauft sich Thomas Greb seinen Fundus zusammen, oft teure Antiquitäten, die er auch wieder verkauft, wenn jemand dringend Bedarf anmeldet. Von den 200 Paillettenkranichen, die er mal hatte, sind nur noch 100 da. Neben teuren Raritäten steht gleichrangig durch Komposition veredelter Sperrmüll, den Greb irgendwo aufgelesen hat. Seine Küchenmöbel stünden auch einer verarmten Landarbeiterfamilie aus dem 19. Jahrhundert gut zu Gesicht. Der uralte Geschirrschrank erzeugt ein Türknarzen von Edgar-Wallace-Format. Ansonsten klampfen diverse Wanduhren gegen die Stille an.

Was fehlt in der merkwürdigen Wohnwelt-Objektsammlung des Thomas Greb, sind moderne Geräte wie Computer oder Spülmaschine. Was sich optisch nicht einbauen lässt, muss draußen bleiben. Seine Wohnung sei ein Labor, sagt Greb. Lifestyle-Magazine haben fast alle von ihm jemals bewohnten Räume vorgestellt. Bis nach Italien reicht sein Ruhm. Modeagenturen buchen seine Wohnkulissen für Fotoaufnahmen. Ein paar Filmszenen wurden auch schon gedreht – für „Die Augen des Johnny Depp“.

Kann man in einem Labor wohnen? Fühlt man sich wohl in einer Filmkulisse mit toten Vögeln an der Decke? In einem Showroom voller Antiquitäten? Hinter all den seltsam großartigen Dingen erkennt man knapp den Menschen wieder. Was ist inszeniert? Was ist echt? „Ich sammle Dinge, weil ich sie toll finde. Gleichzeitig nutze ich sie geschäftlich.“ Es gibt keine Mission, keinen künstlerischen Anspruch hinter seinen Kreationen. Ihr Zweck ist Wohlfühlen. Thomas Greb gibt sich locker, tritt in Jeans und T-Shirt auf, erzählt von Streifzügen durch den Zeittunnel bäuerlicher Dachböden, die ihn schon als Kind begeistert haben. Auf Magazin-Fotos ist er auch anders zu sehen, in feinem Zwirn, als Connaisseur, passend zum Ambiente. Greb überrascht gerne, verfremdet und irritiert. Sein Sujet ist die Welt der Träume.

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