Berlin : "Der Tunnel": Operation Mauerloch

Thomas Loy

Spiegel-TV zeigt den Original-Bagger, der den Original-Tunnel ausgräbt. Nur ein paar Meter sind noch da. Ulrich Pfeifer, Zeitzeuge im antiseptischen Weißkittel, steigt hinab und überzeugt sich von der Originalität. Eine Sensation! An sich sind aber nur Luft und Lehm zu sehen, und deshalb beginnt wenig später "Der Tunnel - eine wahre Geschichte", nach "Der Tunnel" (SWR, 1998) und "The Tunnel" (NBC, 1962). Demnächst folgt dann noch "Der Tunnel" (SAT 1).

Es seien eben noch nicht alle Fragen geklärt worden, sagte Spiegel-TV-Autor Henry Köhler bei der Erstvorführung der neuen Dokumentation im Infozentrum der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße. Und eine gute Geschichte gibt die erste Massenflucht nach Errichtung der Mauer im September 1962 allemal her. Anders als bei späteren Tunnelbauten war das Fernsehen damals live dabei. Um die Arbeiten zu finanzieren, hatten die drei Tunnel-Planer die Filmrechte für eine Summe um die 40 000 Mark an die amerikanische NBC verkauft. Mit dem "Tunnel 29", benannt nach den 29 Flüchtlingen, die durch ihn entkamen, begann die Geschichte der kommerziellen Fluchthilfe.

Der Film arbeitet wie das vor zwei Jahren mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Dokudrama von Marcus Vetter hauptsächlich mit dem vorzüglichen Drehmaterial der NBC und Zeitzeugen-Interviews, unterlegt mit dem bekannten effektheischenden Spiegel-TV-Kommentar. Die Archivaufnahmen der drei "Verschwörer", darunter Luigi Spina und Domenico Sesta, als junge Männer mit Zigarette und Sonnenbrille, wie sie mit herablassendem Gestus die Mauer inspizieren oder den Ort des Durchbruchs mit dickem Stift auf einer Karte einzeichnen, haben eindeutig Kriminiveau. Man plant die "Operacione Buco di Mura" - die Operation Mauerloch. Wenn Politikstudent Hasso Herschel, der wenig später dazustößt, vollbärtig mit entblößter Brust im Tunnel schuftet, erinnert dieses Bild jedoch stark an Fidel Castro als Revolutionär, wie er gerade das Sündenbabel Havanna unterminiert. Hasso Herschel hatte wegen Spionage vier Jahre im Stasi-Knast gesessen, floh mit falschem Pass über den Checkpoint Charlie, musste zuvor aber seiner Schwester versprechen, sie nachzuholen. Der Tunnelbau dauerte wesentlich länger als geplant. Fünf Monate lang gruben sich bis zu 30 junge Leute durch den Lehm unter der Bernauer Straße, stützten den Stollen fachmännisch mit Grubenholz, bauten eine Belüftungsanlage und brachten Leuchten an.

Am 14. September 1962 gelang die Flucht. Fünf Tage später feierten die West-Medien das Ereignis, ohne Ortsangaben zu machen. Die Bild-Zeitung übte sich sogar in Desinformation und druckte beiläufig das Grenzschild der amerikanischen Besatzungszone ab. Tagelang buddelten die Suchtrupps der DDR im Ungewissen. Erst elf Tage später stießen die Vopos zufällig durch einen Wasserrohrbruch auf den Tunnel.

Zu dieser Zeit ist die Tunnelgemeinde schon hoffnungslos zerstritten. Kaum jemand wusste, dass Filmrechte verkauft worden waren. Einige Flüchtlinge sind entsetzt, als sie auf der Westseite des Tunnels von Kameras der NBC empfangen werden. Die vom Fernsehen organisierte Willkommensparty fällt frostig aus. Peter Schmidt-Vogel, für dessen Familie die Tunnelflucht ursprünglich erdacht worden war, macht seinem Freund Luigi heftige Vorwürfe. Der Italiener revanchiert sich, drückt ihm wütend 20 Pfennig in die Hand - für die S-Bahn zurück in den Osten. Ihre Freundschaft ist damit erloschen.

Die Italiener behaupten bis heute, die Fernsehverträge seien erst während des Baus geschlossen worden, als eigene Ersparnisse knapp wurden. "Das Fernsehgeld hat von Anfang an eine Rolle gespielt - wie hätte sonst der erste Spatenstich gefilmt werden können", sagt dagegen Joachim Rudolph, der lange Zeit zu der Fluchtaktion geschwiegen hatte. Rudolph selbst wusste wie die meisten nichts von den Filmverträgen. Er sei selbst aus dem Osten geflohen und habe anderen einfach helfen wollen.

Insgesamt gab es 15 Fluchttunnel - nur drei hatten Erfolg. Auch Hasso Herschel und Joachim Rudolph versuchten es ein zweites Mal unter der Bernauer Straße, bis ein Kurier aufflog, der die Flüchtlinge benachrichtigen sollte.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben