Berlin : Der Überfluss begann mit leeren Regalen

Ausverkaufte Geschäfte, Anstehen bei den Banken

Björn Seeling

Das Lebensmittelgeschäft in Weißensee sah aus, als stünden Notzeiten bevor. Bis auf ein wenig Brot, Milch und Babynahrung gab es nichts mehr zu kaufen. Dabei stand nicht der Dritte Weltkrieg bevor, sondern nur die Währungsunion. Lange vor dem 1. Juli 1990 hatten die Ost-Berliner mit nie gesehenen Angebotslücken zu kämpfen. Die staatlich gelenkte Verteilung der Waren war zusammengebrochen. Während in den Läden das Vakuum herrschte, blieben Betriebe auf Produkten sitzen, um deren Absatz sie sich nie hatten sorgen müssen. Die Regierung Lothar de Maizières, die ja eigentlich die Marktwirtschaft propagierte, sah sich genötigt, Kontrolleure in die Geschäfte zu schicken. Sonst hätte es in den Tagen vor der Währungsunion nicht einmal mehr Brot, Milch und Babynahrung gegeben.

Alles starrte gebannt auf den 1. Juli. Besser: auf den 2. Juli. Denn der war ein Montag. Da öffneten die Geschäfte wieder. Im Fernsehen, in den Zeitungen spekulierten Experten darüber, ob der Osten dem Kaufrausch erliegen würde, sobald er die D–Mark im Portemonnaie hatte. Hätte einer von ihnen mit Otto-Normal-Ostler gesprochen, wäre schnell klar geworden: Bei aller Freude, endlich „richtiges“ Geld in Händen zu halten (und im Urlaub in Bulgarien nicht mehr als Deutscher zweiter Klasse zu gelten), herrschte große Zurückhaltung. „Erst mal gucken“, war überall zu hören. Große Anschaffungen waren erst mal nicht geplant. Schließlich wurden mit der Währung nicht nur die Konten umgestellt, sondern auch das Sozialsystem. Plötzlich gab es die exotischsten Dinge für Geld – Haftpflichtversicherungen zum Beispiel.

Die D-Mark wurde von den Ost-Berlinern mit dem gleichen Ritus empfangen, mit dem sie sich vom alten Geld verabschiedet hatten: mit Schlangestehen. Hatten sie Tage zuvor wegen der Kontenumstellung vor Banken, Sparkassen und Postämtern stundenlang warten müssen, so reihten sie sich am Tag des neuen Geldes freiwillig ein. Bei einer Volksbankfiliale in Prenzlauer Berg harrten die Kunden die ganze Nacht aus, um morgens um acht als Erste an die Scheine zu gelangen. Nur vor der Deutschen Bank am Alex, die schon um Mitternacht öffnete, erdrückten sich die Leute beinahe.

Der Verkaufsschlager der ersten D-Mark-Tage war ein kleines Stück Pappe: Für nur 30 D-Mark wanderte es in die meisten Ost-Berliner Börsen und ermöglichte eine bisher ungekannte Reisefreiheit – die Umweltkarte für Busse und Bahnen.

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