Berlin : Der unsichtbare Gast des Presseballs

Kostbare Kleider, köstliche Büfetts, lebhafte Konversationen und ein Manko bestimmten die Nacht

Elisabeth Binder

Von Elisabeth Binder

War es leerer als sonst? Oder leiser? Irgendetwas fehlte beim Bundespresseball, dem vierten in Berlin. Mutmaßungen gab es viele. Was war es nur?

Die weitgehende Abwesenheit von dem, was hartgesottene Parlamentsberichterstatter „A-Klasse Politiker“ nennen, kann es eigentlich nicht gewesen sein. Dass der Bundeskanzler, der gegen 15 Uhr den NATO-Gipfel in Prag verlassen hatte, unter den gegebenen Umständen sein Abendbrot im Zweifel lieber im Löwenkäfig des Hannoveraner Zoos zu sich genommen hätte, statt mit den Journalisten des Landes vor laufenden Kameras Seeteufel und Walzer zu zelebrieren, konnte man zur Not nachvollziehen. Auch Fischer, Schily und Eichel haben Sorgen, die sich nicht unbedingt im Dreiviertel-Takt ausbaden lassen. Das muss man in einem Beruf, in dem Sensibilität zum Handwerkszeug zählt, verstehen.

Die Dekorationen können dieses unbestimmte Gefühl ebenfalls nicht erzeugt haben: mit gerafften Vorhängen und warmen Farben, waren sie so gülden staatstheatrig, wie man es sich nur wünschen kann, und die überall verteilten dekorativen Spielkarten, -chips und -würfel zeigten, wie allgemein notiert wurde, doch immerhin Auswege auf. Die Kunst der Köche, die zum Teil aus Schwesternhäusern in Budapest, Prag und Wien ins Berliner Interconti eingeflogen worden waren, ließ ebenfalls nichts zu wünschen übrig. So stolz waren sie dabei zu sein, dass kurz vor Beginn des Balls noch Erinnerungsfotos gemacht wurden.

Die Roben wirkten eher kostbarer als sonst. Schwerseidene ausladende Röcke zu reich bestickten paillettenträchtigen Oberteilen, edel transparente Stolas und elegante Details zum Smoking, zum Beispiel ein schwarzer Amethyst statt Fliege. Besonders schöne Kreationen trugen Christina Rau, Maria-Theresia Piepenbrock, Barbara Groth, und Ministerin Kerstin Müller hatte sich eine aufwändige Löckchenfrisur zugelegt.

Teilnehmen konnte man nur auf Einladung von Mitgliedern der Bundespressekonferenz. Umso mehr Anlass für Gespräche gab es. „Fünfzehn Meter in zwei Stunden“ stöhnte Polit-Gastronom Friedel Drautzburg, der mit Bremens ewig umringter Staatsministerin Kerstin Kießler erschienen war, sich über das langsame Vorwärtskommen aber hinwegtröstete, indem er mit wachsender Begeisterung Fragen nach seiner kleinen Tochter beantwortete. An den gelenkigen Akrobaten mit den spaceigen Kostümen lag das gefühlte Manko nicht und sicher nicht an der diplomatischen Besetzung des Ehrentisches, an dem neben dem Bundespräsidenten US-Botschafter Coats und der Vorsitzende des Vereins der Ausländischen Presse, Clive Freeman, Platz nehmen durften.

Auch die Sicherheit kannte keine Mängel. Wie in den vergangenen Jahren verzichtete man zwar auf Röntgenschleusen. Aber das ausgerechnet Journalisten ihren arbeitenden Kolleginnen zumuten, zum Abendkleid das eigene Geburtsdatum auf einem postkartengroßen Anhänger vor sich herzutragen, sah eher schon nach Übererfüllung des Plansolls aus.

Die Mühen der No Angels

Die üblichen Hauptakteure hielten sich diesmal dezent im Hintergrund. Sabine Christiansen, von der Bunten gerade zum begehrtesten Gast des Landes ernannt, unterhielt sich angeregt mit Menschenversammler Manfred Schmidt, Mathias Döpfner, Guido Westerwelle und Event-Managerin Ute Spangenberg, tat dies aber ausnahmsweise in der fast letzten Reihe, während sich vorn auf der Bühne die No Angels redlich abmühten, zum Daylight in den Augen ihrer dem Teenager-Alter teils doch schon deutlich entwachsenen Zuhörer zu werden. Draußen machte sich, als die Kerzen schon tief heruntergebrannt waren und immer mehr Blütenblätter den Boden bedeckten, Klaus Wowereit mit seinem Lebensgefährten auf die Suche nach Currywurst. Dass er, noch ganz beseelt von seinem vorabendlichen Auftritt als Bambi-Pate für Maybritt Illner, den Bundespresseball nun noch hinter die Aids-Gala auf Rang drei seiner persönlichen Favoritenliste rückte, erklärte das unsichtbare Abwesende nicht. Für Organisator Alfred Gertler war der Ball jedenfalls der Schönste von allen, aber das gehört zum Ritual dazu.

Auch als gegen halb drei Uhr morgens schon ein guter Teil der knapp 3000 Flaschen Champagner und Sekt und 6800 Liter Bier ihre Wirkung entfaltet hatten, als die Musik immer ausgelassener wurde, wollte das unsichtbare Vakuum nicht völlig weichen. Nach außen wirkte die verschwenderische Pracht von glitzernden Steinen und fliegendem Chiffon unter gleißenden Spots zu Ohrlovern wie „Simply the best“ wie Szenen aus einer Schlaraffenwelt. Es war nicht leerer als sonst und auch nicht leiser.

Es war die Unbefangenheit, die fehlte. Die erträglich unbeschwerte Leichtigkeit des Seins. Im letzten Jahr hat man, wie es so einem Kreis gut zu Gesicht steht, noch Witze über die Lage gemacht. Diesmal nicht.

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