Berlin : Der Untergang der „Baltic Storm“

Dreharbeiten für Spielfilm über die „Estonia“ begannen in Berlin

Andreas Conrad

Was geschah wirklich auf der „Estonia“? Der Untergang der Fähre, die sich am 28. September 1994 auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm befand, gehörte mit 852 Opfern zu den größten zivilen Schiffskatastrophen der Nachkriegsgeschichte. Lange Zeit war über die Ursache gestritten worden, die Erklärungen reichten von der mangelhaften und in schwerer See abgerissenen Bugklappe bis zu einer Bombenexplosion – ein Streit mit unbefriedigendem Ergebnis: Eine juristische Klärung der Schuldfrage ist nie erfolgt.

Die zweite Position wurde vor allem von der Fernsehjournalistin Jutta Rabe vertreten, die vor zwei Jahren mit dem US-Unternehmer Greg Bemis eine umstrittene Tauchexpedition zum Wrack unternommen und zu der Katastrophe Dokumentarfilme sowie ein Buch veröffentlicht hatte. Die schwedische Regierung hatte der privaten Ursachenforschung, bei der auch Materialproben entnommen wurden, als kommerziell motivierte Sensationssuche kritisiert. Verständlich also, dass bei Nachfragen zum neuen Film der Journalistin vorsorglich gleich betont wird, es sei „keine spektakuläre Ausbeutung dieses Untergangs“ geplant, wie Michael Radtke, zuständig für die Medienarbeit zum Projekt „Baltic Storm“, es beschreibt.

Dieses ist am knappsten so zu beschreiben: „Estonia – der Film“. Der Untergang des estnischen Fährschiffes bildet die Folie eines Spielfilms, dessen Dreharbeiten in diesen Tagen in Berlin begonnen haben: einige Innenaufnahmen am Alexanderplatz, ab nächster Woche Dreharbeiten in Potsdam-Babelsberg und Umgebung, dann auch mit den beiden Hauptdarstellern Greta Scacchi und Jürgen Prochnow, der aber entgegen seiner maritimen Erfahrungen als U-Boot-Kommandant in Wolfgang Petersens „Das Boot“ diesmal einen Juristen spielt. Später geht es zu weiter nach Niedersachsen, an die Küste und in den Harz, sowie nach Malta zu Aufnahmen in den dortigen Unterwasserstudios, nach Dänemark, Estland und Schweden. 45 Drehtage sind für die Sechs-Millionen-Euro-Produktion eingeplant.

Ein Politthriller um den Untergang des fiktiven, aber doch auf die Realität zielenden Fährschiffes „Baltic Storm“ soll es werden, allerdings kein Katastrophenfilm wie „Titanic“. Der Untergang ist hier nicht Ende, sondern Eröffnung des Films, der die gefahrvollen Aufklärungsversuche einer deutschen Journalistin und eines schwedischen Anwalts schildert. Klar, dass dabei die Erfahrungen von Jutta Rabe einfließen werden, die mit ihrem Mitgesellschafter Kaj Holmberg die Potsdamer Top Story Filmproduction GmbH betreibt und ihre dokumentarischen Bemühungen um die „Estonia“ nun ins fiktionale Genre des Spielfilms verlagert. Als Regisseur wurde der Amerikaner Reuben Leder verpflichtet, dessen Schwester Mimi, die in US-Thrillern wie „Deep Impact“ und „Peacemaker“ Regie führte, als Executive Producer dabei ist. An der Produktion sind eine dänische und eine britische Firma sowie weitere Partner wie der Norddeutsche Rundfunk und Arte beteiligt. In Deutschland wird „Baltic Storm“ von dem zum Disney-Reich gehörenden Verleih Buena Vista ins Kino gebracht.

Von dem Film versprechen sich die Beteiligten nicht nur den Erfolg an der Kasse, was auch dazu zwingt, die „Estonia“-Story den Kriterien eines Spielfilms anzupassen. Doch selbst dies sieht Jutta Rabe als Aufklärungsarbeit: „Dieser Spielfilm wird noch einmal die internationale Aufmerksamkeit auf den skandalösen Fall der vertuschten Untergangsursachen lenken.“

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