Berlin : Der unterschätzte Aufstand

Der Westen war am 17. Juni zu passiv, kritisiert Hubertus Knabe

Volker Eckert

Die Kurzzusammenfassung des 17. Juni hat man oft gehört: Normerhöhung, Aufstand der Arbeiter, niedergeschlagen durch die sowjetischen Panzer. Dem Historiker Hubertus Knabe, der gerade ein viel beachtetes Buch über den Aufstand vorgelegt hat, ist diese Version aber zu simpel. Seine These: Die Erhebung war umfangreicher als bisher angenommen und sie hätte durchaus auch erfolgreich verlaufen können. Knabe kritisierte in einer Diskussion mit seinem Kollegen Arnulf Baring ausdrücklich die passive Rolle des Westens.

Baring dagegen hält daran fest, dass über Erfolg oder Misserfolg des 17. Juni in Moskau entschieden wurde. So entspann sich unter Leitung von Lorenz Maroldt, stellvertretender Chefredakteur des Tagesspiegels, am Mittwochabend im DBB-Forum ein angeregtes Streitgespräch vor rund 100 Zuhörern. Die historische Beurteilung der Ereignisse ist offenbar noch längst nicht abgeschlossen.

Schon die Bewertungen der Entstehung des Aufstandes gingen auseinander. Während Baring einen sozialen Protest der Arbeiter sieht, die ihre wirtschaftlichen Privilegien schwinden sahen, beurteilt Knabe den Aufstand als politischen. Beteiligt gewesen seien auch Bauern auf dem Lande, Teile des dünn gesäten Bürgertums. „Schauen Sie sich mal den Forderungskatalog der Aufständischen in Bitterfeld an, daneben können Sie das Neue Forum glatt vergessen“, so Knabe.

In den Jahrzehnten nach der Revolution habe sich die Sichtweise breit gemacht, es habe nicht anders laufen können. Knabe brandmarkte dies als „Verdrängung und Herabwürdigung“ des Aufstandes. Nach der Anerkennung der DDR hätten westdeutsche Politiker das Thema lieber verschwiegen. Doch das Versagen des Westens habe früher begonnen. Was wäre gewesen, wenn die Alliierten nicht die Grenzen geschlossen hätten? Wenn der RIAS einen Streikaufruf gesendet hätte? Und wenn sich Intellektuelle wie Bertolt Brecht nicht auf die Seite der Regierung, sondern des Volkes gestellt hätten? Der Westen habe aus Angst vor einer Eskalation nicht anders handeln können, entgegnete Baring. Knabe wiederum: Der Status quo des Kalten Krieges sei damals noch nicht so starr gewesen wie in späteren Jahrzehnten.

In einem waren sich die Diskutanten dann einig: Der 17. Juni verdient mehr öffentliche Beachtung. Nie hätte er als Nationalfeiertag durch den papiernen 3. Oktober abgelöst werden dürfen, erregte sich Baring. Und mahnte: „Sich öfter an ihn zu erinnern würde unserer Identität als freiheitliche Nation in Europa gut tun.“

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