Berlin : Der Vater der Türken: Atatürk als Mittel gegen den Islamismus in Berlin

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Mit väterlich strengem Blick, aber gleichzeitig einem freundlichen Lächeln, schaut der Vater der Türken - Atatürk - auf seine Gefolgsleute von der Wand herunter. "Auch in Berlin ist es höchste Zeit, dass seine Ideen bekannt gemacht werden", sagt Ali Uras, der Vorsitzende des "Vereins zur Förderung von Atatürks Gedankengut". Die Vorbereitungen für die Gedenkfeier zum 62. Todesjahr des Gründers des heutigen türkischen Staates, die heute Abend im Rathaus Schöneberg stattfinden, liefen in den vergangenen Tagen auf Hochtouren. In der Türkei selbst ordnet der Staat seit 1938 Volkstrauer an. Am 10. November um fünf nach neun, der Todeszeit von Mustafa Kemal Atatürk, heulen die Sirenen und die Menschen auf Straßen, Plätzen und in offiziellen Gebäuden legen eine Schweigeminute ein.

Der Verein will erreichen, dass Atatürks Ideen, also der Kemalismus, auch hier bekannt wird, sagt Uras. Atatürks Ziel war einst, einen Nationalstaat auf laizistischer Basis zu errichten, in dem sich alle Menschen als Türken fühlen. Das sollte mit Hilfe von tiefgreifenden europäischen Reformen der islamischen Gesellschaft geschehen, wie zum Beispiel den Schleierverbot und die Schriftreform. Der Verein sei zunächst in der türkischen Hauptstadt Ankara gegründet worden, um den wachsenden Islamismus in der Türkei zu stoppen. 1997 wurde schließlich auch in Deutschland von türkischen Akademikern gegründet, um auch hier dem zunehmenden Islamismus unter Türken entgegen zu treten. "Was in der Türkei erforderlich ist, brauchen wir deshalb auch hier", erläutert der studierte Diplomingenieur weiter, der seit 1965 in Berlin lebt. Vor allem der türkischen Jugend wolle der Verein zeigen, was Atatürk für eine große Persönlichkeit gewesen sei und was er für den Laizismus bedeute. Das irritiert, weil die Berliner sich ohnehin an der deutschen Verfassung orientieren, die Demokratie und Laizismus garantiert.

Mit einem eingetragenen Verein über seine Daseinsberechtigung zu diskutieren ist freilich nicht einfach. Im Laufe des Gesprächs fällt schließlich der Vorwurf, dass manche türkistämmige Akademiker die Türkei durch die "deutsche Brille" sehen und sie zu einseitig kritisieren. Vorwurfsvoll klingt es auch, wenn die Vorstandsmitglieder erklären, dass der Verein sich nur aus Mitgliederbeiträgen und Einnahmen von privaten Veranstaltungen finanziert, wie Vorträge und türkischen Konzerte. "Auch von der Ausländerbeauftragten Barbara John gibt es keinen Pfennig", heißt es dabei.

In der Tat ist der "Verein zur Förderung Atatürks Gedankengut" mit seinen 220 Mitgliedern kaum bekannt und wird auch von den 170 000 Türken in Berlin nicht gerade überrannt. "Die Leute denken vielleicht, wir seien total nationalistisch", erklärt sich Nalan Arkat die Zurückhaltung. Eben dieses Vorurteil auszuräumen hat sich der Verein vorgenommen. Seinen Namen zu ändern kommt für die Mitglieder deshalb nicht in Frage, weshalb sich an der Zurückhaltung vorerst wohl auch nichts ändern wird.

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