Berlin : Der vergessene Held

David Bowie ist heute in der Stadt – seine alten Berliner Freunde erinnern sich kaum noch an ihn

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Von Torsten Hampel

Die Laborassistentin Antonia Maass ist vor einem Vierteljahrhundert für sieben Tage zu David Bowie in die Schweiz gefahren und hat dort ein Verbrechen begangen. Vielleicht hat sie ein Wörterbuch dafür benutzt, kann sein, sie kannte die englische Sprache damals nicht so gut wie heute, wo sie in der Krebsforschung arbeitet, und in der Forschung, da reden sie jetzt ja nur noch Englisch. Antonia Maass hat in der Schweiz einen Liedtext übersetzt. Ins Deutsche. Das Lied heißt „Heroes“ und ist berühmt, es ist der Titelsong einer Bowie-Schallplatte, seine Geschichte spielt in Berlin, hier hat Bowie das Lied aufgenommen, und hier gibt er heute ein Konzert.

Ob sie hingehen wird? Nein, sagt Antonia Maass, 58, sie interessiert sich nicht mehr für ihn. Damals, ja, da habe sie Bowie „faszinierend und erschreckend“ gefunden, die dunklen Bilder, die im Flur seiner Berliner Wohnung standen. Und die Leute aus seiner Umgebung hätten sie immer gewarnt vor seinen Launen. „Die selber waren immer so beflissen.“ Nein, heute zum Konzert, das geht nicht, sie wird ja am Abend davor selber irgendwo Musik gemacht haben, auf einer Hochzeit oder einem Geburtstag, das wird spät, und montags dann wird sie schließlich wieder viertel vor sechs aufstehen müssen.

Aber ein paar Tage davor, in der Wochenmitte, da hat sie etwas Zeit, sie sitzt in einer Pizzeria in Steglitz, gegenüber vom Benjamin-Franklin-Klinikum, ihrer Arbeitsstelle. Die weiße Laborhose hat sie noch an. „,Und die Scham fiel auf ihrer Seite’, so was habe ich geschrieben?“, fragt sie, „das ist aber peinlich jetzt.“ – „Ja, haben sie, obwohl es im Original so geht: ,And the shame was on the other side’, das bedeutet etwas anderes, und viele Kritiker haben sich damals drüber aufgeregt und die Fans auch ein bisschen, weil überhaupt der Bowie in Deutsch so lächerlich klänge, und der Sänger Heinz Rudolf Kunze hat sein Urteil darüber sogar schriftlich gefällt: Sie hätten den Text nicht übersetzt, sondern katastrophal verfehlt, schreibt der, und ein Blick in den Langenscheidt hätte Wunder gewirkt. Ist doch so ein wichtiges Lied.“ So.

Es ist eben nicht leicht, „eine dichterische Linie reinzubringen“ in ein Lied, sagt Maass, „und gleichzeitig dran zu denken, dass der Rhythmus noch passt und ein Brite wie Bowie nicht die ganzen harten deutschen Wörter singen muss. Da muss man auswählen, und viel bleibt dann nicht übrig.“

Die beiden haben sich damals in der Schweiz, in Bowies großem Chalet, jeden Tag zusammengesetzt und phonetische Übungen gemacht, „er war sehr misstrauisch“. Es war schließlich nicht seine Idee, das Lied auf Deutsch zu singen, sein Produzent hatte den Einfall gehabt. Wäre doch bestimmt schön, die Geschichte des Liebespaares, das sich immer unter einem Wachturm an der Berliner Mauer verabredet, auf Deutsch zu machen, da verstünden es auch die Einheimischen. Es soll so ein Paar, dass sich regelmäßig vor den Hansa-Studios in der Köthener Straße traf, wirklich gegeben haben. Bowie hat immer wieder davon erzählt. Dass er es beim Küssen beobachtet habe, wenn er zwischen den Aufnahme-Pausen aus dem Fenster rüber zur Mauer sah. Ein Toningenieur sagt sogar, das sei der Produzent gewesen mit seiner Liebschaft, der Backgroundsängerin Antonia. „Wir standen da nie“, sagt Antonia Maass, „wir mussten ja diskret sein, der Tony war verheiratet – mit der Frau, die ,Those Were The Days, My Friend’ gesungen hat.“

Antonia Maass hat vergessen, bei welchem Lied sie im Hintergrund mitsingt. Dass sie zur selben Zeit wie Bowie mit ihrer Dixielandkapelle im Hansa-Studio eine Platte aufnahm, das weiß sie noch. Dass die Musiker sich im Gang begegnet sind und dann irgendwann auch mal eine Hintergrundstimme gesucht wurde und die Wahl auf sie gefallen ist. Aber mehr nicht, zu lange her. Sie erinnern sich alle nicht so gut, die Menschen, die dem Star vor 25 Jahren in Berlin begegnet sind. Der Toningenieur, der offenbar das mit den Liebespaaren durcheinanderbringt. Der Herr Hofmann, der mit seiner Frau damals im selben Mietshaus wie Bowie in der Hauptstraße 155 gewohnt hat und der einmal sagt, Bowies Wohnung dort sei schwarz gestrichen gewesen, und ein andermal, nur die Tür war so. Oder der Herr Hoffmann, Wirt der Bar „Anderes Ufer“ zwei Häuser weiter, der nicht mehr weiß, ob Bowie ihm nun 500 Mark geschenkt hat oder ob es doch 1000 waren in der Nacht, in der ihm jemand seine Schaufensterscheibe zerschlug. Obwohl ihn das damals so beeindruckt hat, mitten in der Nacht, als Bowie draußen Wache hielt bis der Glaser kam.

Am Tisch in der Pizzeria sagt Antonia Maass, dass sie sich besser die Rechte an der Übersetzung hätte sichern sollen. Hat sie nämlich nicht gemacht, als „Heroes“ fertig produziert war, hat sie sich nur noch um ihre Arzthelferinnen-Ausbildung gekümmert.

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