Berlin : Der verlorene Sohn

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen

Das Interesse der türkischen Medien für das Streitgespräch der Brüder Wulf und Jörg Schönbohm war relativ groß. Neben Zeitungen waren auch das Fernsehen da. Wie berichtet, leitet der eine das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ankara und befürwortet den EU-Beitritt der Türkei, der andere ist Innenminister in Brandenburg und dagegen. Beide sind in der CDU. „Das Türkei-Duell der Brüder“, schrieb die Hürriyet als Überschrift. Nicht etwa: „Wulf Schönbohm: Die Türkei gehört in die EU.“ Auch in der Milliyet hieß es: „Die Türkei hat zwei Brüder entzweit.“ Schließlich sind auch die türkischen Journalisten zu dieser Veranstaltung gekommen, um die Brüder streiten zu sehen.

„Habt ihr Görgülü gesehen?“, fragte am Dienstag die Tageszeitung Türkiye in großen Buchstaben. Auf einer halben Zeitungsseite wurde ein Berliner Familiendrama dargestellt. Allerdings liegt dieser Fall bereits 15 Jahre zurück. „Metin Görgülü hat gesagt, dass er auf eine Feier geht. Bis heute ist er nicht zurückgekehrt. Um ihren Sohn wieder zu finden, haben die unglücklichen Eltern Tag und Nach gesucht. Aber leider hat er sich bis heute nicht gemeldet“, stand in den Unterzeilen. Dazu zeigte die Zeitung eine Aufnahme der Eltern, die vermutlich schon im Rentenalter sind. Sie hielten Bilder von ihrem damals 18-jährigen Sohn hoch und gucken ziemlich traurig in die Kamera. Daneben konnte der Leser ein Porträtfoto des „Verschwundenen“ sehen, der in der Vermissten- Liste der Berliner Polizei nicht auftaucht. Gedanken, warum der junge Mann verschwunden ist , darf sich jeder Leser selbst machen. In konservativen oder traditionell-religiösen Familien werden Söhne erst dann erwachsen, wenn sie verheiratet wurden. „Wir sind sicher, dass er noch lebt. Denn nach der letzten Auskunft der Polizei hält er sich in Dänemark auf“, zitierte die Türkiye die Eltern des heute 33-jährigen Mannes. Die Polizei kann erwachsene Menschen nicht zwingen, wieder nach Hause zurückzukehren.

„Lieber Sohn, komm wieder zurück. Wir werden bestimmt nicht mit dir schimpfen. Oder ruf uns wenigstens an, damit wir wissen, dass du noch lebst“, sprach der Vater zum Sohn. „Lauft nicht von zu Hause weg. Stürzt eure Eltern nicht ins Unglück. Denn diesen Schmerz kann kaum eine Mutter oder ein Vater ertragen“, sagte die Mutter zu „allen türkischen Jugendlichen“.

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