Berlin : Der Verzicht beginnt vor Morgenröte

Wie türkische Blätter über Horst Köhler und den Beginn der Fastenzeit berichten

Suzan Gülfirat

In der Rede von Bundespräsident Horst Köhler, die er am Donnerstag in der Keppler-Schule in Neukölln hielt, ging es auch um die Integration von Migrantenkindern an deutschen Schulen. Das war für die Tageszeitung „Türkiye“ Grund genug, das Thema auf die Titelseite zu platzieren. „Der Islamunterricht sollte in deutscher Sprache angeboten werden“, zitierte das Blatt das deutsche Staatsoberhaupt. „Es ist überfällig, dass in unseren Schulen den Kindern muslimischen Glaubens von gut ausgebildeten Lehrern und in deutscher Sprache Islamunterricht angeboten wird.“

Köhler hatte scharf kritisiert, dass Migrantenkinder hierzulande nur geringe Chancen haben, aufs Gymnasium zu kommen oder eine Lehrstelle zu finden. Doch die religiöse „Türkiye“ fühlte sich nicht nur angesichts dieser Worte geschmeichelt. Direkt über seinem Porträtfoto, worauf der Bundespräsident nett lächelte, stand ein weiteres Zitat: „Ich werde am Fastenbrechen-Essen teilnehmen und während des Ramadans eine Moschee besuchen.“ Dies habe er nach seiner Rede gesagt, schrieb die Zeitung.

Das passte zum zweiten großen Thema, das die türkischen Zeitungen am Freitag beschäftigte: die Fastenzeit der Muslime, genannt Ramadan. Einmal im Jahr sollten die rund 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt dieses religiöse Zeugnis ablegen. Vier Wochen lang dürfen sie noch vor der ersten Morgenröte bei Tageslicht nichts mehr essen und trinken. Auch Küssen und Sex sind verboten. Gestern begann die Fastenzeit um 4.54 Uhr.

Wenn die Sonne am Horizont untergegangen ist, können die Gläubigen wieder aufhören zu fasten, heute also um 19.07 Uhr. „Herzlich willkommen Ramadan“, schrieb am Sonntag deshalb die „Hürriyet“ in großen Buchstaben auf der Titelseite der Europa-Beilage. In der dazugehörigen Geschichte ging es darum, dass die Betriebskrankenkasse Duisburg neben der Baustelle einer Moschee ein sogenanntes öffentliches Ramadan-Zelt errichtet hat. Solche Zelte werden auch in der Türkei überall aufgestellt und jeder kann darin am Fastenbrechen-Essen am Abend teilnehmen. Bereits am Sonnabend hieß es in der „Hürriyet“ deshalb: „Herzlich Willkommen im Zelt.“ Auch in Köln steht so ein Ramadanzelt, in das rund 600 Menschen reinpassen.

Die „Türkiye“ behauptete auf ihrer Titelseite, dass die Muslime elf Monate lang dieser Zeit entgegengefiebert hätten – was sicherlich etwas übertrieben ist. In Berlin jedenfalls beteiligen sich nicht alle Muslime an der Fastenzeit. Jedoch kommt sogar eine so liberale Zeitung wie die „Milliyet“ nicht umhin, ihren Lesern einen Ramadan-Service anzubieten. Sie nannte ihren Lesern am Sonnabend für die Zeit des Ramadans eine Fax- und Telefonnummer in der Türkei: „Professor Dr. M. Saim Yeprem von der Theologischen Fakultät in der Marmara-Universität beantwortet all Ihre Fragen rund um das Thema Ramadan.“

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