Berlin : Der Volkstribun

Vor 50 Jahren erschütterte die Nachricht vom Tod Ernst Reuters Berlin. Die Menschen trauerten um ihren Stadtvater, den Oberbürgermeister

Brigitte Grunert

Mit dem Krückstock salutierte er humorig vor seiner Sekretärin. Ernst Reuter, der Mann mit der volkstümlichen Baskenmütze, legte keinen Wert auf Äußerlichkeiten. „Auch nicht auf sein Äußeres, wir neckten ihn damit“, bezeugt Sohn Edzard schmunzelnd. Ins Grab legten ihm Frau und Kinder den geliebten „Trost der Philosophie“ des spätantiken Boetius. Reuter war Volkstribun und Intellektueller, Realpolitiker und Visionär, vor allem jedoch ein kompromissloser Freiheitskämpfer. Bei der Nachricht von seinem plötzlichen Tod hielten die Berliner den Atem an. Spontan stellten sie brennende Kerzen in die Fenster. Und das KaDeWe dekorierte ein Schaufenster mit dem Reuter-Bild. Hunderttausende kamen zur Trauerfeier vor dem Schöneberger Rathaus, Hunderttausende säumten die Straßen auf seinem letzten Weg zum Zehlendorfer Waldfriedhof. 50 Jahre ist das her. Ernst Reuter starb am 29.September 1953 in seinem Zehlendorfer Häuschen, Bülowstraße 33, nach einem Herzanfall. Er wurde 64 Jahre alt.

Im Abschied dankten die Berliner noch einmal ihrem Stadtvater, der ihnen in Existenznot während der sowjetischen Blockade der Westsektoren 1948/49 wie kein anderer moralisch den Rücken gestärkt hat. Nach elf Monaten Blockade war es den Russen nicht gelungen, die Westmächte aus Berlin zu verdrängen. Ihre Stellung war gefestigt, und aus Besatzungsmächten wurden Schutzmächte. Es ist das historische Verdienst Reuters, dass er dazu entscheidend beigetragen hat.

Er glaubte von Jugend auf an die Freiheit als wahre Bestimmung des Menschen. Dafür verzichtete der junge promovierte Altphilologe auf eine sichere Existenz. Statt Gymnasiallehrer wurde er „Wanderlehrer“. Er missionierte für die SPD – sehr zum Kummer der konservativ puritanischen Eltern im heimatlichen Ostfriesland. Als Soldat geriet er 1916 schwer verwundet (daher der Gehstock) in russische Gefangenschaft, lernte Russisch, begeisterte sich für die Revolution und machte sich als Kommissar der Wolgadeutschen Republik einen Namen. Ende Dezember 1918 nahm Reuter unter dem Decknamen „Genosse Friesland“ am Gründungsparteitag der KPD teil – im Festsaal des Preußischen Abgeordnetenhauses, dem heutigen Sitz des Berliner Parlaments. Lenin schrieb an Clara Zetkin: „Der junge Reuter ist ein brillanter und klarer Kopf, aber ein wenig zu unabhängig.“ Da hatte Lenin Recht.

Reuter wurde 1921 Generalsekretär der KPD, brach aber schon nach drei Monaten mit der als diktatorisch erkannten Partei. Wilhelm Pieck wurde sein Nachfolger. Reuter kehrte zur SPD zurück. Er brachte es zum Verkehrsstadtrat im Berliner Magistrat (1926 bis 1931) und ging so als Schöpfer der BVG in die Annalen der Stadt ein. 1931 wurde er Oberbürgermeister in Magdeburg. Die Nazis jagten ihn 1933 aus dem Amt. Zwei Mal wurde er ins KZ Lichtenburg bei Torgau geschleppt. Der dritten Verhaftung entging er durch die Flucht nach London. Von dort emigrierte er mit seiner Familie in die Türkei. In Ankara war Reuter Berater der Regierung und Professor für Kommunalwissenschaften. Er lehrte auf Türkisch.

Als Reuter Ende November 1946 nach Berlin zurückkehren durfte, hatte die SPD ihren Kampf gegen die Vereinigung mit der KPD zur SED schon bestanden und gerade einen grandiosen Wahlsieg errungen. Er übernahm wieder das Verkehrsressort. Am 24.Juni 1948 wurde Reuter gegen die Stimmen der SED zum Oberbürgermeister gewählt, aber die Alliierte Kommandantur versagte ihm wegen sowjetischen Vetos die Bestätigung. Listig verteilte Reuter Visitenkarten mit dem Aufdruck: „Der gewählte, aber nicht bestätigte Oberbürgermeister von Berlin“. Bürgermeisterin Louise Schroeder (SPD) amtierte stellvertretend, Verkehrsstadtrat Reuter gab den Ton an. Seine Waffe war das Wort, und das Volk verstand ihn. Mit aller Kraft drängte Reuter zur westlichen Währungsreform und Gründung der Bundesrepublik; andere in SPD und CDU zögerten aus Sorge vor der Teilung.

Die Währungsreform brachte den Würgegriff der Blockade und bis zum 30. November 1948 die Spaltung der Stadtverwaltung. Reuter aber sah im Freiheitskampf um Berlin den Kampf um Deutschland und Europa. Deshalb sein weltbekannter Appell bei der Freiheitskundgebung am 9. September 1948 auf der Tiergarten-Seite des Reichstages: „Ihr Völker der Welt! Ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt!“ Reuter bestärkte selbst den amerikanischen Vater der Luftbrücke, General Clay, in dem riskanten Unternehmen. Auf die Frage Clays, ob die Berliner dem Druck standhalten würden, meinte er nur, dafür garantiere er.

Im Titaniapalast wurde feierlich am 4. Dezember 1948 die Freie Universität gegründet. Tags darauf erhielt Reuter bei der Wahl in den Westsektoren mit 64,5 Prozent für die SPD einen beispiellosen Vertrauensbeweis. Trotzdem bildete der „Bürgermeister über Trümmer“, wie er sich nannte, einen Allparteien-Magistrat von SPD, CDU und FDP. Nur wenige Jahre blieben ihm noch, dicke Bretter zu bohren. Er war enttäuscht, dass Berlin kein Bundesland wurde. Nur die Festigung der Bindungen an den Bund gelang ihm mit dem komplizierten Dritten Überleitungsgesetz von 1952. Es bedeutete, kurz gesagt: Bundeshilfe zum Landeshaushalt gegen Übernahme der Bundesgesetze durch das Abgeordnetenhaus.

Das Verhältnis zwischen Reuter und Konrad Adenauer blieb gespannt. Reuter sah in ihm den Kanzler, der für Berlin zu wenig und für die Wiedervereinigung nichts tat. Adenauer misstraute dem Roten – und Rivalen. Mit der SPD, die er zur Volkspartei machen wollte, hatte Reuter es ebenfalls nicht leicht; er war nie ihr Landesvorsitzender. Aber mit dem damals aufstrebenden Willy Brandt war er sich (fast) immer einig. Brandt ist an Reuters Seite begraben.

Orden bekam er nicht. Doch er brauchte keine Dekorationen, sondern Ovationen – für seinen Kampf. Nach seinem Tod wurden ihm viele Ehrungen zuteil. Auch die „Flamme“ von Bernhard Heiliger am Ernst-Reuter-Platz ist ihm gewidmet. In die Steinplatten am Fuß der Bronzeplastik ist ein Reuter-Wort gemeißelt. „Der Friede kann nur in der Freiheit bestehen.“

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