Berlin : Der Vorstopper

Ein Berliner will am WM-Finaltag demonstrieren – mit 20 000 Menschen über die Ost-West-Achse

Steffen Hudemann

Wenn Manfred Wühr auf den Dachboden seiner Wohnung klettert und aus der kleinen Luke schaut, hat er einen guten Blick auf das Olympiastadion. Bei Heimspielen von Hertha BSC kann Wühr jedes Wort des Stadionsprechers verstehen. Am 9. Juli wird in 500 Metern Entfernung das Finale der Fußball-WM stattfinden. Doch Wühr will das Spiel nicht vom Dachboden verfolgen. Schon vor fünf Jahren hat der 48-Jährige für den Finaltag eine Demonstration angemeldet. Von 14 bis 22 Uhr, bis zum voraussichtlichen Abpfiff. 10 000 bis 20 000 Teilnehmer will Wühr mobilisieren. Sie sollen vom Theodor-Heuss-Platz über den Ernst-Reuter-Platz zur Siegessäule und zurück laufen, quer durchs westliche Zentrum.

Zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor wird gleichzeitig das große Fanfest stattfinden. Wenn Wühr zudem auf der geplanten Route demonstriert, würde er den Verkehr auf dem Weg zum Stadion zum Zusammenbruch bringen. Ihm wäre das recht. Er mag den Fußball, wie er sich heute darstellt, nicht mehr. Schon seit Jahren ärgert er sich über die Kommerzialisierung, über die Vip-Logen in den Stadien, über die „Prosecco-Gesellschaft“, wie er sagt. Manfred Wühr hat drei Kinder, sein jüngster Sohn spielt Fußball. „Während die Profis Millionen verdienen, müssen die Eltern im Jugendfußball noch die Bälle kaufen“, sagt er. Der gebürtige Bayer spricht über seinen Sport wie über einen alten Freund, der ihn enttäuscht hat.

Wühr ist nicht politisch aktiv und hat keine Erfahrungen mit Demonstrationen. Dennoch setzte er sich im Sommer 2001 hin, füllte das „Anmeldeblatt für Versammlungen und Aufzüge“ aus und faxte es an die Polizei. Als Thema gab er „eine neue Chance für die Jugend“ an. Wühr spekulierte, dass das Endspiel am 9. Juli in Berlin stattfinden würde. Zu diesem Zeitpunkt stand der Finalort noch nicht definitiv fest, das wurde erst im Dezember 2003 vertraglich vereinbart. Zur Debatte hatte 2001 auch noch München gestanden. Deshalb hatte sich in Berlin auch niemand vor ihm den Termin gesichert. Die Loveparade hätte – so es sie noch gäbe – am Tag zuvor stattgefunden.

Die Polizei hat gestern bestätigt, dass die Demonstration ordnungsgemäß angemeldet wurde. Die Behörde kann die Versammlung nur verbieten oder verlegen, wenn sie eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darlegt. Demnächst wird die Polizei Manfred Wühr zu einem Vorgespräch bitten. Wenn die Demonstration nicht wie geplant ablaufen darf, will Wühr vor das Verwaltungsgericht ziehen.

Fraglich ist, mit wem Wühr eigentlich demonstrieren will. Die meisten Fans werden es vorziehen, sich das Finale im Fernsehen anzusehen. Gewerkschaften und andere politische Gruppen haben wenig Interesse gezeigt. Auch das Bündnis Aktiver Fußballfans, an das sich Wühr gewandt hat, ist noch skeptisch. „Wir müssen erst wissen, wer überhaupt dahinter steckt“, sagt Sprecher Johannes Stender.

Jedenfalls ein Mann mit Widersprüchen. So erzürnt Manfred Wühr ist, um Finaltickets hat er sich trotzdem beworben – ohne Erfolg.

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