Berlin : Der Voyeur auf dem Klo

Ein 37-Jähriger wird in Berlin angeklagt. Der Vorwurf: versuchte Erpressung Er wollte mit vermeintlichen Sexbildern eines Boyband-Sängers Geld machen

André Görke

Der Termin ist eigentlich perfekt datiert. Vor dem Amtsgericht Tiergarten geht es am Montagmorgen um die Band „US 5“, um Schmuddelfotos, um knallharte Unterstellungen, um einen hübschen Jungen und weinende Mädchen. Wenn das mal nicht ordentlich Publicity verspricht, vier Tage, bevor das neue „US 5“-Album „In Control“ in die Plattenläden kommt.

Doch so ist es nicht. Auf die Verhandlung in den Gerichtssälen hätten das Musik-Label und Sänger Christopher Richard Stringini, 17, liebendgern verzichtet. Denn laut Anklage geht es um „versuchte Erpressung“.

Die Geschichte beginnt in der Nacht des 5. Dezember vergangenen Jahres auf der Toilette des „Sage-Club“ nahe Jannowitzbrücke. Sänger Stringini, von seinen Fans „Richie“ genannt, verschwindet auf dem Klo. In die Nachbarkabine schließt sich in diesem Moment der 37-jährige Berliner Oliver van M. ein, er zückt sein Foto-Handy und knipst den „US 5“- Sänger über die Trennwand hinweg. Bis hierher sieht es nach einem dummen Scherz aus, doch ein pikantes Detail kommt noch hinzu: Der Mädchenschwarm Stringini ist auf den unscharfen Fotos mit nacktem Oberkörper zu sehen, den Kopf nach hinten gelehnt, und vor ihm kniet ein anderer Mann. Die Szene sieht aus, als hätten die beiden Oralverkehr.

Man kann ahnen, was so ein Bild für eine Wirkung auf hunderttausende junge Mädchen haben könnte, die vor allem eines sind: Kunden, die Platten kaufen. Oliver van M., der Voyeur, meldet sich zwei Wochen später beim Management und verlangt 150 000 Euro – sonst würde er die Bilder veröffentlichen. Das Label geht darauf nicht ein und erstattet Anzeige. Der Mann wird verhaftet.

Von da an war der Fall publik. In unzähligen Internetforen diskutierten Mädchen, ob der blonde Sänger homosexuell sei. Einige Tage später meldet sich Stringini selbst zu Wort: Er habe sich lediglich übergeben, ein Kumpel hat ihm hochgeholfen. Nein, er sei nicht schwul.

Die Geschichte war damit jedoch nicht vorbei, denn es blieb etwas haften: das Gefühl, überall verfolgt und beobachtet zu werden. Im September verkündeten die fünf Jungs, dass sie ihre WG in einer Charlottenburger Seitenstraße auflösen würden. „Richie“ litt unter dem Stress, von Depressionen und Schwächeanfällen war die Rede. Die „Bravo“ schrieb sogar, dass er sich die Arme aufritze. Die Band suchte sich eine Wohnung in London, der Wirbel legte sich langsam.

Im Amtsgericht werden die Anwälte des Labels zu sehen sein. Die Band kommt erst am nächsten Sonnabend nach Berlin, zu einer Autogrammstunde bei Saturn im Märkischen Viertel. Völlig relaxed wird auch dieser Termin nicht über die Bühne gehen: Bei einer Autogrammstunde in einem Hamburger Musikladen kamen einmal mehr als 3500 Mädchen. Sie kreischten, weinten, nach drei Minuten musste die Polizei einschreiten. 150 Mädchen wurden verletzt; acht kamen mit Kreislaufbeschwerden ins Krankenhaus.

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