Der Wandel des Dennis Adomatis : Vom Flüchtlingsgegner zum Flüchtlingshelfer

Dennis Adomatis saß mit NPD-Funktionären in der Kneipe und hat in Köpenick gegen Flüchtlinge Stimmung gemacht. Dann arbeitet er als Sozialbetreuer im Flüchtlingsheim.

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Vielfältig engagiert. Dennis Adomatis beim Einsatz in Adlershof. Foto: Georg Moritz
Vielfältig engagiert. Dennis Adomatis beim Einsatz in Adlershof.Foto: Georg Moritz

Der Badmintonschläger bereitete die größte Mühe. Die acht Dutzend Etagenbetten, die Pressspanplatten, die aufgeschichtet waren, die Umzugskartons an der Wand, die waren kein Problem. Die standen ja alle auf dem Hallenboden, die konnte man problemlos raustragen. Aber der Badmintonschläger hing in drei Meter Höhe, verhakt in einem der Netze, die als Trennwände von den Decke hingen. Den Schläger musste man erstmal runterholen, bevor man ihn entsorgen konnte. Irgendjemand hat ihn hochgeworfen.

Ein paar Meter vom Netz entfernt stand Dennis Adomatis und schob einen Besen durch die langgezogene Vereinssporthalle in der Merlitzstraße, ein paar Meter vom S-Bahnhof Adlershof entfernt. Die Halle wurde gerade geräumt. 350 Flüchtlinge lebten bis vor wenigen Tagen hier, jetzt wohnen sie im neuen Tempohome in Altglienicke. 17 Mitarbeiter kümmerten sich um die 350 Flüchtlinge. Einer davon war Dennis Adomatis, zuletzt angestellt als Sozialbetreuer.

Dennis Adomatis, 34 Jahre alt, kennt noch ein anderes Flüchtlingsheim sehr gut, das Containerdorf Allende II in Köpenick. Gegen dieses Heim hat er protestiert, monatelang, bei Demonstrationen, bei Mahnwachen, immer in der vorderen Reihe. „Ich mache aus meiner Teilnahme gar keinen Hehl“, sagt er. Er hat in einer Bar in Köpenick mit NPD-Funktionären zusammen gesessen, darunter der stellvertretende Berliner Landesvorsitzende und EU-Parlamentarier Udo Voigt. Er saß im Frühjahr 2015 am Steuer eines Lautsprecherwagens, während hinter ihm jemand flüchtlingsfeindliche Parolen ins Mikrofon brüllte. Er markierte auf Facebook ein fremdenfeindliches Foto mit „Gefällt mir“. Er betreibt den Blog „Cöpenick-watch“, auf dem vor einigen Monaten üble Beiträge zu Flüchtlingen veröffentlicht wurden. „Schlimm, ganz ekliges Zeug“, sagt Oliver Igel (SPD), der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick. Adomatis beklagte sich regelmäßig bei Peter Hermanns, dem Leiter von Allende II, über das Heim. „Er war ein Sprachrohr des Bürgerprotests“, sagt Hermanns.

Seine Distanzierung komme sehr plötzlich

Adomatis war seit 1. Februar Helfer in der Merlitzhalle, erst drei Monate lang als Praktikant, dann als Sozialbetreuer. „Er war ungemein engagiert. Über seine Arbeit lässt sich nichts Negatives sagen. Er hat hervorragend gearbeitet“, sagt Hans Erxleben. Er ist Politiker der Linken, Vorsitzender des Integrationsausschusses in der Bezirksverordnetenversammlung von Treptow-Köpenick, führend beim Projekt „Adlershof hilft“, er kennt Adomatis gut. Mutmaßliche Rechtsextreme haben schon Erxlebens Auto angezündet, er hat keinen Grund, Rassisten oder Rechtsextreme sanft zu beurteilen. Auch Andreas Tietze schwärmt vom Sozialbetreuer Adomatis. Tietze ist Geschäftsführer der Akzente-sozial UG, seine Firma war Betreiber der Merlitzhalle.

Was also ist Dennis Adomatis? Ein Rechtsextremer, der sich, warum auch immer, als Helfer tarnt? Oder ein ehemals hochaktiver Demonstrant, der aus früheren Fehlern gelernt hat? Das ist die Frage, die viele umtreibt. „Er ist kein Hardliner mehr“, sagt Erxleben, „aber seine Distanzierung kommt etwas sehr plötzlich.“

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Adomatis sitzt jetzt in einem nüchternen Raum im ersten Stock der Merlitzhalle. Wenn er etwas besonders betonen will, klatscht er seine rechte Hand auf die linke Handfläche. Einer dieser besonderen Sätze lautet: „Wenn ich ein Rassist wäre, hätte ich nicht sieben Monate lang mit Flüchtlingen gearbeitet.“ Oder: „Hunderte können bestätigen, dass ich kein Rassist bin.“ Er meint die Flüchtlinge in der Merlitzhalle. Ein Satz aber klingt wie ein Seufzer: „Es war eine blöde Zeit. Ich habe die falschen Leute getroffen.“

Seine Geschichte von der blöden Zeit geht so. Allende II, das Containerdorf, 490 Plätze, steht direkt vor seiner Wohnung. Zu nah für seinen Geschmack, und zu groß auch. „Das hat Ängste geschürt. Diffuse Ängste. Ängste vor den Fremden.“ Wenn das Heim weiter entfernt gewesen wäre, wenn es kleiner gewesen wäre, dann hätte er damit leben können.

Die Demonstrationen hatten stets NPD-Sympathisanten angemeldet

Nur: Die Demonstrationen vor der Heim haben stets NPD-Sympathisanten oder NPD-Mitglieder angemeldet. Es fielen radikale Kommentare. Adomatis war bei Demonstrationen dabei. „Stimmt“, sagt er. „Aber als ich gemerkt habe, dass wir vereinnahmt werden sollten, hat sich eine Gruppe besorgter Bürger abgespalten.“ Er war dabei. Sie hätten dann separat protestiert, mit Mahnwachen. Und? War er, Dennis Adomatis, Sprachrohr dieser Gruppe? „Wenn man als Sprachrohr den betrachtet, der mit den Verantwortlichen im Heim und im Bezirk gesprochen hat, war ich ein Sprachrohr“, sagt Adomatis.

Peter Hermanns, der Heimleiter, hat Adomatis „nicht als geifernd“ erlebt. Er hatte auch den Eindruck, dass es Adomatis um Standort und Größe gegangen sei. „Aber ich habe ihm gesagt, dass er dann doch bitte nicht vor dem Heim protestieren solle. Das verängstigt doch die Bewohner. Die müssen doch den Eindruck haben, es geht gegen sie.“

Auch Oliver Igel, der Bezirksbürgermeister, hat Adomatis nicht als Rechtsextremen wahrgenommen. „Der hat Kontakt gesucht. Das macht kein Rechtsextremer.“ Aber die Argumente Standort und Größe des Heims hält er für „vorgeschoben“. Soll ihm doch keiner sagen, dass Adomatis und seine Mitdemonstranten mit einem kleineren Heim in größerer Entfernung zufrieden gewesen wären.

Und die Kontakte zur NPD? Bier trinken mit Leuten wie Udo Voigt und Andreas Käfer, NPD-Kreisvorsitzender von Marzahn-Hellersdorf? Und die Geschichte mit dem Lautsprecherwagen? Auf die NPD-Leute, sagt Adomatis, sei er durch Zufall gestoßen, einige habe er gar nicht gekannt. Voigt? Käfer? „Ja, die schon.“ Aber damals, „hat es mir nichts ausgemacht, mit ihnen zusammen zu sitzen.“ Ob sie sich über Flüchtlinge unterhalten hätten, wisse er nicht mehr. Und der Lautsprecherwagen? „Da wurde ich gefragt, ob ich fahre.“ Aber die Parolen, die er dann hinterm Steuer gehört habe, hätten ihn angewidert, da haben die Abnabelung von den NPD-Leuten „Ein schleichender Prozess.“ Inzwischen habe er jeden Kontakt zur NPD abgebrochen.

Am 1. Februar landete er dann in der Merlitzhalle. Der damalige Heimleiter kannte ihn, er kannte seine Vorgeschichte, er empfahl ihn trotzdem Ralf Kuhirt, dem damaligen Geschäftsführer des Betreibers. Adomatis’ Vorgeschichte verschwieg er. Heute sagt Kuhirt: „Wenn ich die Vorgeschichte gewusst hätte, hätte ich ihn wahrscheinlich nicht eingestellt.“ Irgendwann habe ihm Adomatis alles erzählt. „Er hat bereut. Und weil er gut gearbeitet hat, behielten wir ihn.“

Adomatis arbeitete erstmal als Praktikant, er macht bis Mai 2017 eine Umschulung zum Kaufmann für Büromanagement, ein Praktikum gehört dazu. In seinen früheren Berufen – Maler und Lackierer, Physiotherapeut – kann er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten. Er fungierte als Ansprechpartner für alles, kümmerte sich um Krankenhauseinweisungen, hielt Kontakt zu den Behörden, begleitete Flüchtlinge zur Apotheke. Adomatis nennt die Flüchtlinge „meine Freunde“. Auch jetzt stehe er auf Abruf bereit. „Wenn die Sozialarbeiter mich brauchen, bin ich da.“ Ansonsten konzentriert er sich ganz auf sein Praktikum. Mit Akzente-sozial UG hat er keine Arbeitsbeziehung mehr.

Aber da ist noch „Cöpenick-watch“, sein Blog. „Da beißt sich etwas“, sagt Erxleben. „Er engagiert sich für Flüchtlinge, aber er lässt zu, dass sich dort Leute austoben, er geht nicht konsequent dagegen vor.“ Bei so einem Satz klatscht Adomatis wieder in die Hand. „Ich lösche ganz viele schlimme Kommentare“, sagt er. Das Wort „Pack“ werde immer gelöscht. Aber einen Satz wie: „Ich mag diese Leute nicht“, lässt er stehen. Freie Meinungsäußerung, sagt Adomatis. Oliver Igel gesteht „Cöpenick-watch“ zu, dass der Blog sich inzwischen „deutlich gewandelt hat“. Für den Linken-Politiker Erxleben ist Adomatis’ Auftreten trotzdem „eine widersprüchliche Kiste“. Er respektiert dessen Arbeit. Aber das heißt noch lange nicht, dass Erxleben Nähe zulässt. „Adomatis wollte mit mir mal ein Selfie machen. Das habe ich abgelehnt.“

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