Der Wandel von Prenzlauer Berg : Auf den Straßen unserer Sehnsucht

Prenzlauer Berg war in der DDR eine eigene Welt, eine Freiheit im Kopf. Jürgen Hohmuth hat sie damals fotografiert. Und trifft heute einen Nerv in Berlin.

von
Schlangen für die Schrippen. Nicht nur vor den Bäckereien musste man in Ost-Berlin länger warten.
Schlangen für die Schrippen. Nicht nur vor den Bäckereien musste man in Ost-Berlin länger warten.Foto:Jürgen Hohmuth

Ein paar Bröckelbalkone lassen sich hängen, werden eingerüstet; eine Ketwurst mit Ketchupsauce kriegt man unten an der Straße, heute zusammen mit aufgeschäumtem Kaffee. Berlin, Ecke Schönhauser – hier in Prenzlauer Berg sieht man noch Spuren, hier trifft man noch Menschen, hier hat man noch Gedanken, die geblieben sind vom Mythos, der bis heute die Fantasie der ganzen Stadt erregt, der Zuzügler und Touristen Wochenende für Wochenende in den Mauerpark treibt: der Mythos vom wilden Prenzlauer Berg.

Die Kneipen machten morgens um sieben auf

Jürgen Hohmuth hat das wüste Leben an der inneren und äußeren Grenze der Hauptstadt der DDR porträtiert. Er lebte hier selbst in den Achtzigern und baute sich mit Freunden sein eigenes halbes Land, hatte eine Wohnung besetzt, sich als Fotograf im Sozialismus selbstständig gemacht. „Es war archaisch, Suffkies, Punks und Lebenskünstler liefen rum, die Kneipen machten ja ooch schon um sieme uff.“ Heute wohnt Hohmuth, 60, drei Kinder, zwei wache Augen, eine Welt weiter in Weißensee, da ist es ruhiger, grüner, „ooch noch n bisschen ostiger“.

Aber der alte Prenzlauer Berg, dieses Stück Freiheit im Kopf, lebt in den Schwarz-Weiß-Bildern weiter, die Jürgen Hohmuth aus seinem Negativarchiv holt, zu lebensbunten Büchern formt und inzwischen alljährlich auch als Kalender herausbringt. 1055 Berlin – die alte Postleitzahl, eine immer wieder neue Geschichte. Wie diese kleine Geschichte hier:

Nachts sind Decken und Wände schräger/

Morgen sage ich Dir: Es ist aus/

Du vertraust noch dem knisternder Träger/

Unser Atem nur trägt dieses Haus.

Das neueste kleine Blätterbuch beginnt mit einem Gedicht von Adolf Endler; es heißt „Vor dem Abbruch unseres Hauses“ und handelt von der Sehnsucht nach verlorenen Träumen, Balkonen, Bildern. Einer Sehnsucht, die vielleicht auch etwas aufgeschäumt ist wie der Kaffee an der Ketwurstbude, aber die doch einen Nerv trifft – hier in Berlin, Ecke Schönhauser.

Prenzlauer Berg in den Achtzigern
Kohlen holen. Noch in den Achtzigerjahren wurde in Prenzlauer Berg vorrangig mit Öfen geheizt.Alle Bilder anzeigen
1 von 5Foto: Jürgen Hohmuth
22.11.2014 16:01Kohlen holen. Noch in den Achtzigerjahren wurde in Prenzlauer Berg vorrangig mit Öfen geheizt.

„1055 Berlin – Der Prenzlauer Berg 1980 bis 1990.“ Das Buch mit Fotografien von Jürgen Hohmuth (Edition Braus Berlin) gibt es online und im Handel. Die Jahreskalender werden verkauft im Werkzeugladen „Max Werk“ an der Stargarder Straße und in fast allen Buchläden des Bezirks.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben