Berlin : Der Weg in die Aretsrieder Republik

BERND MATTHIES

1998, das Jahr der härtesten Prüfungen für die krisengeschüttelte Bundeshauptstadt: Ein an Tatsachen orientierter JahresrückblickVON BERND MATTHIES Januar.Das Jahr, das später als härtestes in der Berliner Nachkriegsgeschichte Schlagzeilen machen wird, beginnt relativ harmlos mit einer ruhigen Silvesternacht.Großbrände bleiben aus, und so werden die Beobachtungen einiger Feuerwehrleute als unerheblich abgetan, der Wasserdruck sei auch nicht mehr das, was er früher einmal war.Mehr Aufsehen erregt dagegen die kryptische Meldung zweier Nachrichtenmagazine, der Senat wolle den Hauptstadtstatus Berlins zur Disposition stellen.SPD-Fraktionschef Klaus Böger dementiert in einem Interview, das er sofort der Nachrichtenagentur dpa ungefragt zur Verfügung stellt, und wirft bei dieser Gelegenheit seinen Hut in den Ring: "Ich will Regierender Bürgermeister werden anstelle des Regierenden Bürgermeisters." Wolfgang Wieland von den Grünen geht auf Distanz: "Das wäre ja noch schöner.Auch in einer grün-roten Koalition stellt die größere Partei den Chef." Februar.Wieder einmal dringt aus der Finanzverwaltung die Kunde von einem neuen Milliardenloch im Landeshaushalt.Ursache diesmal: Das deutsch-amerikanische Konsortium, das 1997 die Bewag erworben hatte, trennt sich von sämtlichen Anteilen.Der ehemalige Eigenbetrieb gehört wieder dem Land Berlin.Rechtliche Grundlage ist ein Zusatzprotokoll zum Kaufvertrag, in dem es heißt, der Käufer erhalte bei Nichtgefallen sein Geld zurück.Finanzsenatorin Fugmann-Heesing muß vor dem Abgeordnetenhaus einräumen, diese Klausel sei ohne ihr Wissen in den Vertrag eingefügt worden.Als Grund für die Rückgabe nennt das Konsortium Meinungsverschiedenheiten im Vorstand.Die ständigen Streikdrohungen, mit der der Arbeitsdirektor und frühere ÖTV-Chef Kurt Lange die Einstellung von 10 000 Stromablesern durchzusetzen versuche, seien nicht länger tragbar.Aufsehen erregt ein nächtlicher Einbruch im Kombi-Bad Seestraße: Am Morgen stehen die Bademeister entgeistert vor den beiden leeren 50-Meter-Becken.Die Wasserschutzpolizei nimmt die Ermittlungen auf. März.Die Dauerkrise um den leeren Sessel des SFB-Intendanten wird im Berliner Stil gelöst.Die bisherigen Rundfunkräte Klaus Landowsky (CDU) und Marianne Brinckmeier (SPD) teilen sich den Job, nachdem sämtliche festen und freien Mitarbeiter des Senders das Angebot ausgeschlagen hatten, bei beliebigem Gehalt Chef zu werden.Landowsky ist nun verantwortlich für das SFB-Programm zwischen 19 Uhr 23 und 7 Uhr früh, Frau Brinckmeier für den Rest.In Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf werden Beschwerden laut über einen leichten Beigeschmack von Chlor im Leitungswasser. April.Die Gerüchte um den gefährdeten Hauptstadtstatus Berlins verstärken sich.Eberhard Diepgen betont allerdings, Berlin sei Hauptstadt, "so sicher, wie ich Regierender Bürgermeister bin" ­ was, wie er später einräumt, das Zutrauen in die Zukunft der Stadt nicht unbedingt stärkt.Wenige Tage später verbreiten Boulevardzeitungen die Nachricht, die Finanzsenatorin wolle den Titel "Bundeshauptstadt" gegen Höchstgebot privatisieren."Nur ein Gedankenspiel auf Referentenebene", läßt sie ihren Sprecher verlauten; allerdings könne es angesichts der Finanzlage Berlins grundsätzlich keine Tabus mehr geben.Bonns Bürgermeisterin teilt auf dpa-Anfrage mit, ihre Stadt sei an dem Titel nicht mehr interessiert. Mai.Die Polizei hält an der Fischerhüttenstraße einen Konvoi von Tanklastzügen auf.Inhalt: Die Krumme Lanke.Ein Fahrer räumt ein, das Leerpumpen des Berliner Traditionsgewässers beaufsichtigt zu haben und sagt, der Auftrag sei "von ganz oben" gekommen.Ganz oben ­ das ist, wie die Ermittlungen schnell ergeben, die Spitze der Berliner Wasserbetriebe.Ein Sprecher des Vorstands bestätigt, man kämpfe mit Liquiditätsproblemen und habe deshalb einen gewissen Wasservorrat für den Fall ansammeln wollen, daß die Bewag den Pumpenstrom abstelle.Nach längeren Vernehmungen gibt das Unternehmen auch zu, für den Wasserdiebstahl in der Seestraße verantwortlich zu sein und das Badewasser bereits ins Netz eingespeist zu haben.In der Innenstadt demonstrieren etwa 20 000 Stromableser gegen erneute Privatisierungspläne für die Bewag: Die Stadt solle lieber erst ihre Steuerrückstände eintreiben. Juni.Berlin schreibt den Hauptstadttitel im Bundesanzeiger aus.Die Finanzsenatorin erläutert, es könnten sich nicht nur Städte im In-und Ausland, sondern auch private Vermarktungsfirmen bewerben.Das Leitungswasser wird rationiert, nachdem Bewohner einiger östlicher Stadtteile Wasserflöhe und Kaulquappen in ihren Badewannen entdeckt haben. Juli.Die Pressekonferenz der SFB-Intendanten wird kurzfristig abgesagt.Beide hatten sich zur Erwerbung des Titels "Bundeshauptstadt" äußern und erläutern wollen, daß der Sender durch diesen Kauf den Namen "Hauptstadtsender" gesichert habe.Gerüchten zufolge hat ein Bewerber aus dem süddeutschen Raum in letzter Sekunde ein höheres Gebot abgegeben. August.Die Berliner hamstern Mineralwasser, weil die Leitungen praktisch versiegt sind.Ein Sprecher der Wasserbetriebe begründet den Konkurs seines Unternehmens mit der ungünstigen Geschäftslage der drei Ostseewerften, die man im Vorjahr übernommen habe."Wir wollten nicht nur mit Wasser handeln, sondern auch mit dem, was obendrauf schwimmt", sagt er.Die negative Entwicklung im Weltschiffbau sei nicht absehbar gewesen.In Neukölln kommt es zu Ausschreitungen, nachdem morgens zwischen sieben und acht Uhr Bier aus den Wasserhähnen läuft.Die Gesundheitsverwaltung wiegelt ab: Bier sei im abgekochten Zustand auch für Kinder unbedenklich. September.Das Neuköllner Bier-Rätsel ist gelöst.Es handelt sich um sogenannten Bölkstoff, den die Wasser-Betriebe auf der Grundlage ihrer "Achterbahn"-Aktien des Medienunternehmens "Werner" übernommen und in das leere Leitungsnetz eingespeist hatten.Die Aktien selbst gelten inzwischen als völlig wertlos.Aufsehen erregt das Verschwinden der Quadriga auf dem Brandenburger Tor: Dort wird stattdessen in einer Nacht- und Nebel-Aktion ein riesiger weißer Plastikbecher mit einer schrägen Ecke montiert, der an ein bekanntes Joghurt-Produkt erinnert.Bundeskanzler Gerhard Schröder beruft Annette Fugmann-Heesing als Finanzministerin ins Bundeskabinett.Ihre erste Amtshandlung: Alle Überweisungen von Bundesmitteln nach Berlin werden storniert.Berlin sei, wie sie aus eigener Anschauung wisse, ein "Faß ohne Boden".Der kommissarische Finanzsenator Elmar Pieroth sagt dazu: "Ei, sie war früher eine so nette Person." Oktober.Der Molkereibesitzer Alois Müller ("Alles Müller, oder was?") ist neuer Besitzer des Titels "Bundeshauptstadt".Vor der Presse sagt er, der Becher auf dem Brandenburger Tor ("Müsli-Schlemmerjoghurt") sei ein Teil der Kaufvereinbarung und mit dem Stadtbild vereinbar.Tausende von Berlinern fahren an die Oder, um dort auf den turnusmäßig überschwemmten Wiesen Kanister mit Wasser zu füllen. November.Aretsried, der Müller-Stammsitz, ist neue Bundeshauptstadt.Namensinhaber Müller erläutert, er sei am Umzug der politischen Entscheidungsgremien nicht interessiert; die Übersiedlung des Bundespräsidialamtes reiche ihm als Symbol aus.Bundespräsident Roman Herzog kritisiert in seiner vielbeachteten "Aretsrieder Rede" die "Diktatur des Haltbarkeitsdatums" und fordert, es müsse nun ein Ruck durch die deutschen Kühlschränke gehen. Dezember.Die ARD schaltet am Silvesterabend ins Berliner Olympiastadion.Moderiert von den beiden Intendanten singen die 50 000 Stromableser der Stadt unter Leitung von Arbeitsdirektor Kurt Lange ein Potpourri beliebter Berliner Melodien.In der dritten Strophe von "Berliner Jungens, die sind richtig" fällt das Flutlicht aus, auf den Bildschirmen der Republik erscheint ein Standbild des neuen Brandenburger Tors.Die Aretsrieder Republik tappt im Dunkeln ins Jahr 1999.

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