Berlin : Der Weg zum 20. Juli

Sechzig Jahre nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler: Was von den Stätten des Widerstands blieb und wie wir dort heute gedenken

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Der kahle Raum. Zwei Rosen auf dem rohen Bodenstein. Fünf eiserne Haken an einem rostbraunen Balken, der von einer Wand zur anderen reicht. Drei Kränze, an die Stirnwand gelehnt, genau dort, wo sie starben. Und plötzlich bekommt der Tod ein Gesicht: An der Wand lehnt ein großes Blatt Papier, darauf steht in getuschter Kinderschrift: „Für unsere Ururgroßmutter, Urgroßmutter, Großmutter und Mutter Johanna Kirchner, ermordet am 9.6.1944 in Plötzensee“. Unterschrift: neun Vornamen von vier Generationen. Daneben steht das Bild: eine Frau in mittleren Jahren. Lächelnd aus einem schwarzen Rahmen. Vor 60 Jahren gehenkt oder geköpft. Eine deutsche Sozialdemokratin, als Antifaschistin ermordet. Ein NaziOpfer, eines von fast 3000 in Plötzensee. Hier mussten sie Sonderschichten machen mit der Guillotine und am Henkergalgen. Besonders nach dem 20. Juli 1944 in Adolf Hitlers Berliner Totenhaus.

60 Jahre nach dem Umsturzversuch besuchen wir die erhalten gebliebenen, stummen Zeugen der Ereignisse von damals. Wie wird der Männer des 20. Juli in Berlin gedacht? Was ist von den Stätten einer gescheiterten Revolte geblieben, was haben sie uns heute zu sagen?

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Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Stauffenbergstraße ist der authentische Ort. Sie liegt im Bendlerblock, einem historischen Gebäudekomplex, der nach dem Ratsmaurermeister Johann Christoph Bendler (1789 - 1873) benannt ist. Der hatte im 19. Jahrhundert die heutige Stauffenbergstraße angelegt. Hier wurde vor dem Ersten Weltkrieg die deutsche Flottenrüstung betrieben, Adolf Hitler forderte an diesem Ort am 3. Februar 1933 mehr „Lebensraum im Osten“. Und hier, im Oberkommando des Heeres, liefen bis zum 20. Juli 1944 die Fäden zwischen dem Attentäter und seinen Mitverschworenen zusammen. Im Mittelpunkt des Ehrenhofs steht seit 1953 die Statue eines Jünglings – vor 60 Jahren, in der Nacht des fehlgeschlagenen Attentats an dem Diktator, wurden in diesem Karree Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, General Friedrich Olbricht, Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Oberleutnant Werner von Haeften erschossen.

Den Befehl zur Erschießung gab Generaloberst Friedrich Fromm, Oberbefehlshaber des Ersatzheeres. Sein Dienstzimmer liegt im zweiten Stock hinter einer schweren Schiebetür aus Eichenholz. Für den Intarsienrand des Fußbodens wurde ein Muster gewählt, bei dem unzählige Hakenkreuze ineinander verschränkt scheinen. In diesen vier Wänden ist vieles passiert. Zwischen 1930 und 1934 war dies das Speisezimmer des Chefs der Heeresleitung, hier versammelte Adolf Hitler vier Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler die höchsten Offiziere der Reichswehr, um ihnen „die Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel“, die Bekämpfung des Pazifismus und die „Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung“ zu verkünden.

Seit 1940 arbeitete Fromm hier zwischen den holzgetäfelten Wänden, am 20. Juli wurde er zunächst von den Umstürzlern kaltgestellt und der Raum zur Schaltstelle der Revolte. Als deren Misserfolg unübersehbar ist, ernennt sich Fromm zum Standgericht und befiehlt, die Aufrührer zu erschießen. Er selbst wird wegen seiner undurchsichtigen Rolle einen Tag später verhaftet, 1945 zum Tode verurteilt und erschossen.

Der Besucher steht in diesem Raum vor der Stelle, an der Generaloberst Ludwig Beck – der das neue deutsche Staatsoberhaupt werden sollte – seinem Leben selbst ein Ende setzte. Nebenan blickt er, wie damals Stauffenberg, aus dem Fenster ins sommerliche Grün. Und liest das Bekenntnis des Attentäters: „Es ist Zeit, daß jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muß sich bewußt sein, daß er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterläßt er jedoch die Tat, dann ist er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen.“

Dokumente zu Planung und Ablauf des Attentats sowie Zeugnisse für das Scheitern beherrschen die interessante, aufwühlende Ausstellung. Eine Menge vergilbter Protokolle, für den Führer mit großen Schrifttypen verfasst, erzählt vom Zusammenbruch der Verschwörung und den blutigen Folgen, aber auch von der Angst. Der Tagesbefehl 26/1944 vom Befehlshaber der Wehrmacht im Bezirk Nordostfrankreich, unterzeichnet von Generalleutnant Hederich, lautet: „Wahnsinnige Verbrecher haben auf den Führer geschossen. Die heiligste Pflicht des Soldaten ist die Treue. Sie bindet alle, vom Feldmarschall bis zum einfachen Grenadier oder Schützen. Wer gegen sie verstößt, ist kein Soldat, sondern ein Lump. Prüfe sich jeder! Schon das Schwarzsehen, Kritisieren, Unken, Schwarzhören ist ein Verbrechen an der Treue. Einwandfrei sei unsere Haltung, einwandfrei unsere Ergebenheit.“

Die Ausstellung geht freilich weit über das hinaus, was am 20. Juli geschah. In 26 thematischen Bereichen beschreibt sie Breite und Vielfalt des Widerstandes zwischen 1933 und 1945 – fast 100000 Besucher, von der Schulklasse bis zur Bundeswehrkompanie, kommen pro Jahr an diesen Ort mahnender Erinnerung.

Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand (Tel. 26995000) ist nur Weihnachten, Silvester und Neujahr geschlossen, ansonsten geöffnet Mo. bis Mi. und Fr. 9 bis 18 Uhr, Do. 9 bis 20 Uhr, Sa./So. und an Feiertagen 10 bis 18 Uhr.

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Das Prinz-Albrecht-Gelände war während der Nazi-Zeit ein Ort des Schreckens. Hier, an der heutigen Niederkirchnerstraße, befanden sich Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt. Und das „Hausgefängnis“ der Gestapo. In der Präsentation der Dokumentation „Topographie des Terrors“ finden sich unter freiem Himmel innerhalb der Ausgrabungen von früheren Kellergewölben auch zahlreiche Schautafeln mit Gesichtern und Schicksalen jener Männer und Frauen, die vor und nach dem 20. Juli in den Kellern der Prinz-Albrecht-Straße 8 gefangen gehalten, verhört und gefoltert wurden. Im Sommer ’45 fand man in den Ritzen eines Dielenbodens ein Stück gefaltetes Papier mit den Worten „Wenn wir auch sterben sollten so wissen wir: Die Saat geht auf, wenn Köpfe rollen, dann zwingt doch der Geist den Staat.“ General Georg Thomas beschreibt, wie mit den Häftlingen bei Luftangriffen verfahren wurde: „Alle, die bereits zum Tode verurteilt waren, waren Tag und Nacht gefesselt, ebenso ein Teil der Häftlinge, die im Verhör standen. Bei Luftangriffen kamen die ,interessanten‘ Häftlinge in den Bunker, andere wurden, an Händen und Füßen gefesselt, eingeschlossen.“ An diesem Ort der Täter wird der Opfer auf einfache, dokumentarische Weise gedacht – umso größer ist die Wirkung auf die Touristen aus aller Welt, die hier mit den Spuren von 70 Jahren deutscher Geschichte auch gleich noch das längste in der Innenstadt erhaltene Stück Mauer sehen.

Die Ausstellung ist täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet, Eintritt frei.

Das Kammergericht im Kleistpark war während der Nazi-Herrschaft ein Ort der Propaganda, des Schreckens und der Entwürdigung von Menschen. „In diesem Gebäude tagte der berüchtigte Volksgerichtshof, der hier unter anderem die Urteile gegen die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 fällte“, steht auf einer Steintafel am Eingang zum Park an der Potsdamer Straße in Schöneberg. In dem repräsentativen Haus sitzt jetzt die Generalstaatsanwaltschaft und der Verfassungsgerichtshof des Landes Berlin. In dem Saal, wo der oberste Ankläger der Nazis Roland Freisler die Männer des 20. Juli als „vaterlandsloses Gesindel“ und „ehrlose Subjekte“ titulierte, bevor er die Todesurteile verkündete, werden jetzt die Verfassungsbeschwerden der Bürger verhandelt oder Rechtsreferendare vereidigt. Gelegentlich werden Dokumentarfilme am Originalort gedreht, ansonsten können – nach vorheriger Anmeldung – auch Gruppen von Juristen den Saal besichtigen. Seit Kriegsende hatte er eine bewegte Geschichte: Im Oktober 1945 trat hier der „Inter-Alliierte Militärgerichtshof“ zusammen. Am 20. März 1948 schlug der sowjetische Vertreter die Tür des Alliierten Kontrollrates für immer hinter sich zu. Im Frühjahr 1954 machte die Außenministerkonferenz der vier Mächte Schlagzeilen, und im September 1971 wurde im Plenarsaal das Viermächte-Abkommen über Erleichterungen für die Berliner unterzeichnet. Mit dem Auszug der Luftsicherheitszentrale endete die letzte Institution der Großen Vier, als Deutschland wieder vereint war. Im Februar 1991 übergaben die Amerikaner das Gebäude. Anfang September, zum „Tag des offenen Denkmals“, kann das Kammergericht mit seinem historischen Saal im ersten Stock besucht werden. Eigentlicher Sitz des Volksgerichtshofes war übrigens ein Haus in der Bellevuestraße. Das Gebäude wurde bei einem Luftangriff zerstört und Roland Freisler von einem herabstürzenden Balken erschlagen.

Ausstellung „Der Volksgerichtshof als Hitlers politisches Tribunal“ auf dem Gelände der Topographie des Terrors bis 30. September täglich von 10 bis 20 Uhr.

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Die Gedenkstätte Plötzensee ist alljährlich am 20. Juli der zentrale Ort des Gedenkens. Gerade hier beweist eine Ausstellung eindrucksvoll, dass der Widerstand gegen den Nationalsozialismus viel mehr war als das Attentat in der Wolfsschanze: Männer und Frauen aus allen Schichten stellten sich dem Diktator entgegen – für ein anderes, besseres Deutschland. Zwischen August 1944 und April 1945 wurden 86 Todesurteile gegen Beteiligte und Mitwisser des 20. Juli vollstreckt. Insgesamt 2891 Menschen ließen zwischen 1933 und 1945 ihr Leben in dem unscheinbaren Ziegelschuppen neben dem Strafgefängnis Plötzensee. Ihre Schicksale sind hier in einem „Virtuellen Totenbuch“ nachzulesen – und in einem in der Gedenkstätte kostenlos erhältlichen Heft mit Dokumenten über nazistische Hassorgien wider die Gegner des Systems.

Gedenkstätte Plötzensee, Am Hüttigpfad in Charlottenburg, geöffnet täglich von 9 bis 17 Uhr.

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Das Wohnhaus Graf Stauffenbergs ist manchmal in den zahlreichen Dokumentationen zum 20. Juli zu sehen, von außen jedenfalls. Es steht im „Wagner-Viertel“ nahe dem Nikolassee, in der Tristanstraße 8-10, hat einen auffallend großen, rotbraunen hölzernen Balkon im ersten Stock und eine Tafel am Eingang: „Oberst Schenk Graf von Stauffenberg lebte hier 1943 - 1944. Er starb im Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft.“ In dem denkmalgeschützten Gebäude wohnen ein Architekt und die bildende Künstlerin Christine Jackob- Marks, deren Entwurf für das Holocaust-Mahnmal (eine große Betonplatte mit den Namen von vier Millionen Opfern) den ersten Preis erhalten hatte, dann aber von Helmut Kohl abgelehnt wurde. In den Räumen, wo Stauffenberg bei seinem Bruder Berthold wohnte, erinnerte schon 1967, als die Künstlerin hier einzog, nichts mehr an die prominenten Vormieter. „Operation Walküre“, ein Film zum 20. Juli, wurde auch an diesem Originalort gedreht. Das idyllische Haus mit breiten Atelierfenstern im Parterre ist eine Villa wie viele hier im Wagner-Viertel – wenn es nicht diese Gedenktafel am linken Pfeiler der Eingangspforte gäbe.

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Die Stadtkommandantur Unter den Linden 1 war ein wichtiger Schauplatz des Staatsstreichs: Stadtkommandant Paul von Hase setzte von hier aus die ersten Verbände des Wachbataillons unter Oberst Remer zur Absperrung des Regierungsviertels in Marsch. Aber als gegen 19 Uhr der Staatsstreich zu kippen begann, schöpften Nazi-Offiziere Verdacht und leiteten Gegenmaßnahmen ein – Oberst Remer telefonierte in Goebbels’ Wohnung, die damals an der nordwestlichen Ecke des heutigen Holocaust-Mahnmals lag, mit Adolf Hitler in der Wolfsschanze. Dieses Gespräch überzeugte ihn, dass Hitler lebt. Der Umsturz, die Operation „Walküre“, war beendet, bevor sie richtig begann. Generaloberst von Hase wurde noch in der Nacht verhaftet und mit zwei weiteren Offizieren zum Tode verurteilt. In dem vor kurzem wieder aufgebauten Kommandantenhaus erinnert der neue Besitzer, die Bertelsmann AG, an diesen Schauplatz des gescheiterten Staatsstreichs. Das Haus Unter den Linden 1 ist damit ein weiterer Ort in der Berliner Geschichtslandschaft.

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