Der Weg zur Wende : Der Anfang vom Ende der DDR

Heute vor 20 Jahren wagte die Opposition bei der Liebknecht-Luxemburg-Demo den großen Auftritt. Mehr als 100 Protestler wurden verhaftet - viele durften kurz darauf ausreisen.

Carsten Dippel

Die Opposition plante ihren großen Auftritt, die SED wollte die Gunst der Stunde zur Abrechnung nutzen, und die Staatssicherheit war durch Spitzelberichte wie gewohnt gut informiert und vorbereitet. Schon vor Beginn der traditionellen „Kampfdemonstration“ zu Ehren von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – ein Höhepunkt im politischen Festtagskalender der DDR-Führung – zogen Stasi-Einsatzkräfte im Rahmen der Aktion „Störenfried“ am Morgen des 17. Januar 1988 los und nahmen etliche Bürgerrechtler fest, noch ehe sie zur Demonstration kamen.

Zur gleichen Zeit machten sich rund 200 000 Genossen, allen voran das SED-Politbüro, bestens bewacht von Volkspolizei und Stasieinheiten auf den Weg zum rituellen Massenaufmarsch nach Friedrichsfelde, um auf dem Friedhof der Sozialisten der im Januar 1919 von Freikorpssoldaten ermordeten KPD- Mitbegründer Liebknecht und Luxemburg zu gedenken.

In die Fänge der Stasi gerieten etwa die Mitglieder der Berliner Umweltbibliothek Till Böttger, Andreas Kalk und Bernd Schlegel. Ebenso der Liedermacher Stephan Krawczyk, der bei der Kundgebung gegen sein Berufsverbot protestieren wollte. Andere, wie den Mitbegründer der Initiative Frieden und Menschenrechte (IfM), Wolfgang Templin, hatte man gleich unter Hausarrest gestellt. Doch trotz des konzertierten Vorgehens gegen „feindlich negative Elemente“ wurde das heilige Ritual an diesem Tag empfindlich gestört, als DDR-Bürgerrechtler versuchten, sich am offiziellen Marsch zu beteiligen. Mit eigenen Plakaten, auf denen Luxemburg-Zitate wie „Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ zu lesen waren. Ein Affront gegen die alleinige Deutungshoheit über Luxemburg, die die Partei der Arbeiterklasse für sich in Anspruch nahm . Entsprechend hart schlugen die Stasi-Kräfte zu, entrissen den Protestierenden ihre selbst gebastelten Transparente und verhafteten weit über 100 Personen. Die Demonstranten hatten dennoch erreicht, was sie wollten. Westliche Fernsehteams hatten den brutalen Stasi-Übergiff gefilmt, die Bilder gingen um die Welt und lieferten einmal mehr einen Beweis für das real existierende Unrechtsregime der DDR.

Die Idee, Gedenktage für spektakuläre Aktionen zu nutzen, war nicht neu. Die Initiative zur Störaktion beim Gedenkmarsch für Luxemburg und Liebknecht ging aber vor allem von der Arbeitsgruppe Staatsbürgerschaftsrecht aus, einem eher lockeren Zusammenschluss Ausreisewilliger. Für viele Oppositionelle ein Grund, sich dem Vorhaben nicht anzuschließen. Zu tief war der Graben zu den Antragstellern, zu sehr sah man durch diejenigen, die die DDR verlassen wollten, das eigene Engagement für Veränderungen im Staat gefährdet. Nur wenige Bürgerrechtler mochten sich mit der als „Schlaraffenlandbewegung“ geschmähten Schar der Ausreisewilligen solidarisieren. Zu ihnen zählte etwa Wolfgang Templin, der selbst allerdings nie vorhatte, die DDR zu verlassen. Der Schulterschluss zwischen Antragstellerbewegung und Reformopposition, der von der SED-Führung aus gutem Grund gefürchtet war, blieb also vorerst aus.

Zunächst schien die Aktion vom 17. Januar ein Erfolg für die Opposition zu werden. Etliche Antragsteller konnten schon kurz nach ihrer Verhaftung am 17. Januar ausreisen, sie hatten erreicht, was sie wollten. Zur Unterstützung der übrigen Inhaftierten baute sich schnell eine Protest- und Solidarisierungswelle auf. Am 25. Januar zog die SED jedoch ein weiteres Register und verhaftete nun die führenden Mitglieder der IfM, neben dem Ehepaar Templin auch Bärbel Bohley, Ralf Hirsch, Werner Fischer sowie Stephan Krawczyks Ehefrau, die Künstlerin Freya Klier. Als Einzige von der evangelischen Kirche weitgehend unabhängig agierende Oppositionsgruppe galt die IfM in den Augen der SED als besonders gefährlich. Wieder erfolgten als Gegenreaktion Mahngottesdienste und Solidaritätsveranstaltungen. Erstmals schien der Protest aus dem engen Kirchenraum hinaus in eine breitere Bewegung zu münden. Was würde als Nächstes geschehen? In diese erwartungsvoll aufgeladene Situation platzte plötzlich eine unfassbare Nachricht: Klier, Templin und die anderen sind in den Westen ausgereist! Mit Dauervisa zu einem „Studienaufenthalt“. Ausgerechnet sie? Konnten sie nicht warten, die Haft auf sich nehmen, bis die Proteste ihre Wirkung zeigten? Das roch nach Verrat. Ein Schock, der die Stimmung jäh in sich zusammensacken ließ.

Es nutzte wenig, dass die Ausgewiesenen wenige Tage später auf einer Pressekonferenz im Westen erklärten, sie seien nicht freiwillig gegangen. Hatten sie denn überhaupt eine andere Option? Die Anklage lautete auf „landesverräterische Beziehungen“, ein Vorwurf, der schwerer kaum wiegen konnte. Es drohten langjährige Gefängnisstrafen, die Trennung von Kindern und Familie. Äußerst geschickt hatte die SED hinter den Kulissen die Fäden in diesem intriganten Spiel gezogen. Die entscheidende Rolle fiel dabei den Anwälten Wolfgang Schnur, Lothar de Maizière und Gregor Gysi sowie Manfred Stolpe als Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche zu. Den Inhaftierten wurde suggeriert, sie seien isoliert. Von den tatsächlichen Vorgängen draußen erfuhren sie nichts. In Oppositionskreisen wurde hingegen – vor allem von dem später als Stasi-IM „Torsten“ enttarnten Schnur – das Gerücht gestreut, sie hätten die DDR freiwillig verlassen. Zwietracht war gesät, das Misstrauen unter den Zurückgebliebenen groß.

So prekär die Situation für die Opposition nach diesen Ereignissen zunächst war, der Erfolg für die SED war allenfalls ein kurzfristiger. Das existenzgefährdende Ausreiseproblem bekam die DDR-Führung mit der Aktion „Störenfried“ keineswegs unter Kontrolle, sondern verlieh ihm zusätzliche Dynamik. Immer mehr Ausreisewillige wagten nun öffentliche Aktionen, spürten sie doch, dass sie auf diesem Weg Erfolg haben konnten. Zugleich wurde die Halsstarrigkeit der SED immer offenkundiger.

Es war die Freiheit der Andersdenkenden, die Mahnung Rosa Luxemburgs auf dem berühmten Transparent, was am 17. Januar 1988 den Anfang vom Ende der DDR markierte. Und dazu trugen erheblich jene in Oppositionskreisen so ungeliebten Ausreisewilligen bei, deren Zahl in den Monaten bis November 1989 ein immer bedrohlicheres Ausmaß für das SED-Regime annahm. Carsten Dippel

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