Berlin : Der weite Weg nach Lummerland

Alles sollte so einfach sein – doch viele Kunden und Mitarbeiter sind einfach überfordert

Stefan Jacobs

Nur in Lummerland sollte das Zugreisen noch unkomplizierter sein als in Deutschland, hatte die Bahn vor Einführung ihres neuen Tarifsystems Mitte Dezember versprochen. Doch im Weihnachtsreiseverkehr erweist sich, dass die Praxis längst nicht so einfach ist wie angekündigt. Viele Reisende buchen übers Internet – und klagen über fehlende Preisinformationen und riesige Fragebögen auf dem Weg zum Online-Ticket. Die telefonische Buchung sei nicht einfacher, sagen andere. An den Schaltern drängen sich hauptsächlich jene, die kurzfristig verreisen wollen. Auch sie erfahren nicht unbedingt, wie der Preis ihres Fahrscheins zustande kommt und ob sie wirklich günstig fahren.

Sonntagmittag am Bahnhof Zoo: Joachim Meister eilt direkt von der U-Bahn zum Fernbahnsteig. Er will nach Wuppertal. „Ich habe die 40 Prozent Frühbucherrabatt bekommen, weil ich mein Ticket schon vor vier Wochen gekauft habe. Im Internet; aber auf der Seite war damals noch gar nichts über das Tarifsystem zu erfahren.“ 90 Euro habe er für Hin- und Rückfahrt bezahlt, das sei etwas günstiger als früher.

Jochen Knuth wäre gern mit einem Bekannten gemeinsam nach Osnabrück gefahren. Aber nun reisen sie an verschiedenen Tagen, weil Knuth schon Wochen vorher im Internet gebucht hat und dann am Schalter kein günstiges Ticket mehr für den Freund zu bekommen war. Und für 40 Prozent Ersparnis fahren sie halt getrennt. „Meine Online-Buchung war so umständlich und langwierig, dass ich in Zukunft wohl immer zum Schalter gehen werde“, sagt Knuth.

Eine Frau kommt gerade von den Schaltern und winkt nur ab: „Ich fahre doch eher spontan – und zahle dann drauf.“ Eine andere Frau, die auf den Zug nach Fulda wartet und ihr Ticket am Tag zuvor gekauft hat, musste den vollen Preis bezahlen. Theoretisch hätte sie die Chance auf zehn Prozent Vergünstigung gehabt, aber sie hat nicht gefragt, und die Frau am Schalter hat ihr nichts angeboten. Ob aus Nachlässigkeit oder weil das „Plan & Spar“-Kontingent schon ausverkauft war, weiß sie nicht. Ein anderer Reisender erzählt, dass sein Ticket von Heilbronn nach Zermatt in die Schweiz ohne den Zehn-Prozent-Rabatt zwei Euro billiger war als mit. „Die Frau am Schalter hat sich genauso gewundert wie ich“, sagt er.

Ein anderer Reisender hat es am Telefon-Automaten versucht und ist beinahe verzweifelt: „Es war irrsinnig kompliziert, und eine sinnvolle Information ist nicht herausgekommen“, sagt er. Er hat dann frustriert das Wochenend-Ticket genommen. Beim nächsten Mal will er es online versuchen.

Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn sagt, es sei schwierig, den günstigsten Preis zu bekommen. Als Beispiel nimmt er die Strecke von Berlin nach Ribnitz-Damgarten an der Ostsee. Je nach Route und Zugart gelten Grundpreise von 32 bis 41 Euro. „In den komplizierten Grundpreisen liegt die Fehlerquelle. Die Mitarbeiter können nicht überschauen, was das günstigste Angebot ist.“ Jeder Grundpreis ergibt einen anderen Rabatt. Bahnsprecher Achim Stauß verteidigt dieses Prinzip: „Die Bahn funktioniert halt anders als das Flugzeug. Ein gemittelter Einheitspreis würde diejenigen benachteiligen, die bewusst eine kurze Strecke wählen.“ Naumann widerspricht: „Den meisten Leuten ist es wurscht, wo ihr Zug langfährt.“ Und eine Studentin am Zoo sagt: „Die Bahn kann machen, was sie will – solange ich mein Semesterticket behalten kann.“

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