Berlin : Der Westen im Osten

Das ehemalige Devisenhotel Westin Grand an der Friedrichstraße feiert 25-jähriges Bestehen.

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Hoher Standard. Blick ins achteckige Atrium. Fotos: Doris Spiekermann-Klaas
Hoher Standard. Blick ins achteckige Atrium. Fotos: Doris Spiekermann-Klaas

Der Dalai Lama war natürlich auch schon da, und Michail Gorbatschow sowieso. Ihre Bilder hängen jetzt zwischen denen weiterer Prominenter, die in unterschiedlichsten Branchen zum Fortgang der Weltgeschichte beigetragen haben – vom französischen Präsidenten François Mitterrand über den Oberindianer Pierre Brice bis zu Zeitvertreibern wie Thomas Gottschalk und, nun ja, Dieter Thomas Heck. Sie alle sind jetzt in einer kleinen Ausstellung im Erdgeschoss des Hotels Westin Grand an der Friedrichstraße versammelt. Anlass dafür ist das 25-jährige Bestehen der Herberge in der City Ost. Doch spannender als die Promi-Galerie ist wohl die ebenfalls zur Ausstellung gehörende Vitrine, die eilige Hotelgäste auf dem Weg zum Aufzug allzu leicht übersehen können.

Der unscheinbare Glaskasten birgt gewissermaßen das Geheimnis dieses Hotels, das der DDR Ruhm, Ehre und vor allem Devisen verschaffen sollte. Statt VEB-Arbeiter-und-Bauern-Schlendrian war also westlicher Standard gefragt, der mit Westgeld bezahlt werden musste. Die Preisliste von 1987 beginnt bei 275 DM fürs Einzelzimmer und reicht bis zur Suite ab 3600 DM; Benutzung von Fitnessbereich und Parkhaus inklusive.

Das Blatt liegt neben einem Heftchen, das „Unsere Verhaltensgrundsätze“ regelt. In dem Mitarbeiter-Knigge heißt es, jeder Gast des Hauses sei „eine wichtige und bedeutende Persönlichkeit“ – und zwar so bedeutend, dass er „viele Dinge seines täglichen Lebens im Gegensatz zu uns nicht selbst erledigt“. Deshalb sei er in einfachen Angelegenheiten gelegentlich hilflos. Aber eben bedeutsam, weshalb auch „seine mitunter skurrilen Gewohnheiten“ zu achten seien. Eine weitere Perle des Leitfadens ist das Verbot des Slogans „Ham wa nich!“

Doch nicht nur die wahre DDR war im Grand Hotel tabu: Auch ihre Bürger mussten draußen bleiben. Ausnahme waren Teile der Gastronomie, sofern man lange vorher reserviert beziehungsweise Beziehungen hatte und sich die für DDR-Verhältnisse exorbitanten Preise leisten konnte. Dafür sei der Anspruch auch wirklich erste Sahne gewesen, berichtet Küchenchef Peter Hampl, der 1990 vom ebenfalls guten „Hotel Stadt Berlin“ – dem heutigen „Park Inn“ am Alexanderplatz – ins Grand Hotel wechselte. Das sei damals quasi autark gewesen: von der Fleischerei über die Wäscherei bis zum Limousinenservice war alles vorhanden.

Schon beim Bau hatte sich die DDR-Regierung lieber nicht auf die heimischen Kapazitäten verlassen: Das Haus wurde großenteils von japanischen und schwedischen Unternehmen errichtet. Die Architektur allerdings stammte von DDR-Baudirektor Erhardt Gißke. Auch Manfred Prasser (siehe Text links) war beteiligt. Anders als bei anderen Projekten wurde mit dem Grand Hotel auch keine Stadtgeschichte getilgt, sondern fortgeschrieben: Das achteckige Atrium, das über der sechsten Etage von einer bunten Glaskuppel gekrönt wird, erinnert deutlich an die „Kaiserpassage“, die bis zu ihrer Zerstörung im Krieg an derselben Stelle stand.

Jetzt sind es eher normale Touristen als Staatsgäste mit skurrilen Gewohnheiten, die im Westin Grand ein- und ausgehen. Deutsche führen vor Amerikanern, berichtet Hoteldirektor Rainer Bangert. Von rund 150 Mitarbeitern seien noch zwölf aus der Stammmannschaft von 1987 an Bord. Die Auslastung liege inzwischen über 75 Prozent – und damit rund doppelt so hoch wie in den Jahren zwischen Eröffnung und Mauerfall. Allerdings schaut Bangert sorgenvoll auf die Großbaustelle der U 5 vor seiner Tür, gegen deren Lärm das Hotel vergeblich geklagt hat. Mindestens ein Jahr lang gilt nun: Ruhe? Ham wa nich! Stefan Jacobs

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