Berlin : Der wilde Süden

Werner van Bebber

wundert sich über Neuköllner Kommunikationsmethoden Alle Zivilisation ist Schminke. Wir leben womöglich in Zeiten der Zurückentwicklung. Das zeigt sich an der Sprache. Wer heute einem Dienstleistungsdialog in einem Dönerladen oder einer Bäckerei lauscht, der bekommt nicht mehr ganze Sätze zu hören, sondern Stummelsprech. Ein Globalisierungsphänomen: Man beschränkt sich aufs Allernotwendigste, wozu „bitte“ und „danke“ nicht gehören, radebrecht beim Bäcker simpel „Marzipan“. Schon weiß die an nichts anderes als Radebrech gewöhnte Verkäuferin, was gemeint ist. Wenn der Döner-Mann ein selbstbewusstes „Ich bekomm’ Döner scharf!“ zu hören bekommt, ist er immerhin eines ganzen Satzes gewürdigt worden, wenn die Ansage auch eher wie eine Drohung als wie ein Handelsangebot wirkt. Zur Kommunikationskultur in Neuköllner Wirtschaften gehörte seit je der Einsatz nicht nur sprachlicher Mittel. Man pflegte, alte „Stahlnetz“-Streifen belegen das, schon früher eine gestenreiche, manchmal körperlich ausdrucksstarke Sprache. Mauerfall und Globalisierung haben dazu geführt, dass nun öfter mal geschossen wird. Die Polizei kann oft nur vermuten, was den Streit verursacht hat: Die Zeugen haben nichts gesehen. Es ist wie früher im Wilden Westen: Reden ist Silber, schießen ist Gold.

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