Berlin : Der Wilde Westen im staubigen Osten

An der Holzmarktstraße gibt es einen Strandflohmarkt – vor Cowboykulisse und mit Barbecue-Grill

Judith Jenner

Man kann den breitkrempigen Hut in die Stirn ziehen und mit zusammengekniffenen Augen den Horizont abspähen. Man kann o-beinig auf hohen Stiefeln durch den Staub gehen und mit den Sporen eine Spur hinterlassen. Man kann „yeah“ sagen und sich Wyatt Earp nennen. Man kann Cowboy spielen an der Spree und auf dem „Wild West Rock’n’Strand Markt“ an der Holzmarktstraße Flohmarktschnäppchen einkaufen.

Melanie Freier und Freund Jantos verwalten den Westernflohmarkt, weil sie das lustig finden: die Hüte, die Stiefel, alles letzter Schrei. Ganz anders Iris Paech, die Whiskey-Gläser mit Jack-Daniels-Aufdruck verkauft und CDs mit Country-Musik. Sie ist Chefredakteurin der Zeitschrift „Western Mail“ und gehört zur Berliner Country-Szene. Auf dem neuen Flohmarkt hat sie vergangenes Wochenende zum ersten Mal verkauft.

Macher des Western-Treffs, den es seit zwei Wochen mitten in Berlin gibt, ist Walter Potts, Betreiber des Szenelokals „White Trash“, das bis September geschlossen ist, und einer, der Phantasie hat. So wie er das ehemalige Chinarestaurant an der Torstraße in ein In-Lokal verwandelte (an dem auch Mick Jagger nicht vorbeikam), machte er jetzt aus der Ödnis neben dem ehemaligen BSR-Sperrmüllverkauf ein Westerndorf. Außerdem war Walter Potts bekannt für die besten Burger der Stadt – und Deftiges vom Grill gibt es auch beim Western-Flohmarkt: „Onkel Smokey’s BBQ House“ bietet gegrilltes Fleisch, Baked Potatoes mit Sour Cream, Hot Dogs zum Selberbelegen. Melanie Freier und Jantos waren früher Türsteher im „White Trash“, und vielleicht tauchen auch andere Versprengte aus der Gang – von Peaches bis zum „Glamour to Kill“-Duo – an der Holzmarktstraße auf. Der Strandmarkt sei aber nicht so szenefixiert, sagt Melanie Freier. „Es soll einfach ein offener Ort sein, wo man Leute trifft und ungewöhnliche Sachen kaufen kann.“ Das liegt auch daran, dass noch viele Marktstände auf dem 3000-Quadratmeter-Areal leer stehen. An den vermieteten Ständen gibt es Flohmarkt-Ramsch, Schmuck, Windspiele und selbst designte T-Shirts. Es gibt eine „Eltern-Haft-Bar“ und einen Spielplatz, auf dem qietschende Kleinkinder toben. „Viele von uns haben inzwischen Nachwuchs“, sagt Melanie Freier. „Da ist man nicht mehr so wild aufs Nachtleben.“ An diesem Wochenende gibt es besonders viele Aktionen für Familien mit Kindern.

Der Strandmarkt öffnet verkäufer- und kundenfreundlich um 13 Uhr und geht bis in den späten Abend. Verkaufen kann jeder, nur „Profi-Abzocker“ sind unerwünscht. DJs legen dabei auf und Bands spielen, im Anschluss gibt es noch eine Party. An der wenig westernhaften Matterhorn-Bar hängen Plastikeiszapfen und Bilder mit röhrenden Hirschen. Wer genau hinsieht, entdeckt „White Trash“-Relikte, wie die goldenen Raumteiler mit Drachenköpfen. Im September soll der Club an einem noch geheimen Ort wieder öffnen, mit mehr Platz für Bands und ohne dass sich Nachbarn gestört fühlen. Aktion Friedenspfeife, sozusagen.

Holzmarktstr. 19-24, Friedrichshain, Freitag 16-23 Uhr, Sonnabend 13-23 Uhr, Sonntag 13-20 Uhr, Info-Tel für Verkäufer: 97005930, www.strandmarkt.de

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