Berlin : Der Wind dreht sich

Nichtraucherkneipen, Qualmverbote, Bußgelder: Tabakfreunde haben es in Berlin immer schwerer

Thomas Loy

Vielleicht erringt Berlin bald noch einen Titel: Hauptstadt der Nichtraucher. Fakt ist, dass Raucher in Berlin immer häufiger draußen bleiben müssen. Die gesellschaftliche Ächtung des Rauchens und die vielen Rauchverbote in U-Bahnen und Restaurants habe die Einstiegsschwelle für Jugendliche erhöht, sagt die Drogenbeauftragte des Senats, Christine Köhler-Azara. „Früher mussten sich immer die Nichtraucher rechtfertigen. Jetzt sind es die Raucher.“ Zum Weltnichtrauchertag haben wir uns umgeschaut, wie viel blauer Dunst noch in der Luft hängt.

Kneipen und Restaurants

Auf der Nichtraucher-Hitliste des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) rangiert Berlin mit 383 Restaurants und Hotels auf Platz 1, vor Hamburg und München. Die Liste erfasst alle gastronomischen Betriebe, die mindestens 30 Prozent ihrer Sitzplätze für Nichtraucher reservieren. Allerdings ist die Listung freiwillig. Die Dehoga schätzt, dass wesentlich mehr Restaurants Plätze für Nichtraucher vorhalten. Einige sind schon gänzlich rauchfrei, wie etwa das italienische Restaurant Centro-Sud in der Bülowstraße. Rauchfrei sind auch die Hotel-Restaurants im Adlon und im Westin Grand in Mitte. „Fast alle Hotels bieten Zimmer für Nichtraucher an“, sagt Hans Eilers vom Berliner Hotel- und Gaststättenverband. „Auch viele Raucher bevorzugen Nichtraucher-Zimmer.“

Politik

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit ist Nichtraucher, deshalb sind die Senatssitzungen generell rauchfrei. Im Roten Rathaus sei das Rauchen „de facto“ verboten, sagt ein Sprecher der Staatskanzlei. Im Abgeordnetenhaus ist das Rauchen kaum eingeschränkt. Nur bei Sitzungen gilt ein strenges Rauchverbot.

Verkehr

In den BVG-Bussen ist schon seit 1974 das Rauchen untersagt. In den U-Bahnen darf seit 1978 nicht mehr geraucht werden. Seit Anfang 2003 ist das Rauchen auch in U-Bahnhöfen verboten. Die BVG-Verwaltung prüft derzeit ein komplettes Rauchverbot, weil ein Umzug bevorsteht. Bisher darf in den Treppenhäusern im alten BVG-Gebäude am Kleistpark geraucht werden. Die Raucherkantine wurde zum 1. Januar dieses Jahres geschlossen. „Sogar die Raucher sagen, dass es jetzt besser ist“, berichtet BVG-Sprecherin Petra Reetz, selbst nikotinabhängig. Im BVG-Vorstand liegt die Nichtraucherquote bei 33 Prozent - ein Raucher, zwei Nicht-Raucher. Jeden Monat werden rund 60 Bußgelder gegen notorische Bahnsteig-Raucher verhängt. Bei 2,5 Millionen Fahrgästen pro Tag sei das „verschwindend wenig“, so Reetz. Das Bußgeld beträgt 15 Euro. Auf den drei Berliner Flughäfen ist das Rauchen ebenfalls verboten. Nur in den Snack-Bars und Restaurants gibt es Raucherzonen. In Tempelhof hat noch eine kleine Raucherzone überlebt, die nicht zu einem Restaurant gehört.

Raucherquote

Ermittelt werden Zahlen vor allem für jugendliche Raucher. Nach der jüngsten Studie des Robert-Koch-Instituts rauchen bundesweit etwa 15 Prozent aller Jugendlichen. In Berlin gaben bei einer Umfrage 43 Prozent der befragten Schüler an, schon einmal geraucht zu haben. Zwölf Prozent erklärten, regelmäßig zur Zigarette zu greifen. Bei Gymnasiasten ist die Quote mit elf Prozent deutlich niedriger als bei Nicht-Gymnasiasten mit 20,4 Prozent. Es rauchen mehr Mädchen als Jungen. Junge Migranten rauchen seltener als deutschstämmige Jugendliche.

Gesundheit

Nach Informationen der Techniker-Krankenkasse sterben täglich fünf Berliner an Lungenkrebs. 2005 wurden 1925 Todesfälle registriert. Rund 85 Prozent der Lungenkrebserkrankungen seien auf das Rauchen zurückzuführen. Rauchen beeinträchtigt viele Körperfunktionen. Unter Jugendlichen mehren sich Erschöpfungszustände, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Nikotinkonsum schädigt auch die Zähne, erklärt der Freie Verband Deutscher Zahnärzte. Das Risiko, die Zähne zu verlieren, sei für Tabakkonsumenten 15 mal höher als bei einem Nichtraucher. Rauchen fördere Parodontose und die Entstehung von Mundhöhlenkrebs. Thomas Loy

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