Berlin : „Der Wrangelkiez ist ein Dorf“

Der Soziologe und Kreuzberger Silvester Stahl über die Ursachen der Gewalt

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In der Wrangelstraße gab es vor wenigen Tagen Ausschreitungen, nachdem die Polizei zwei verdächtige Kinder festgenommen hatte. Ist das eine besonders gefährliche Ecke?

Nein, eher im Gegenteil: Der Wrangelkiez ist für einen Innenstadtkiez sicher.

Woran liegt das?

An den funktionierenden Sozialstrukturen in der Nachbarschaft. Der Wrangelkiez hat eine vergleichsweise stabile Bevölkerung. Gerade die Zuwandererfamilien aus der Türkei leben oft schon seit Jahrzehnten hier. Die Folge ist ein fast dörfliches Leben: Man kennt sich und achtet aufeinander. Das bedeutet ein hohes Maß an sozialer Kontrolle. Auch für die Jugendlichen. Bei allem, was sie im Kiez tun, müssen sie damit rechnen, dass ihre Eltern es mitbekommen.

Warum ist es dennoch zu einer solchen Eskalation gekommen?

Aus genau denselben Gründen. Wenn jemand, den man kennt, Ärger mit der Polizei hat, will man eben wissen, was los ist. Deshalb haben sich viele Leute eingemischt. Im Kiez kursieren außerdem Berichte über das angeblich brutale Vorgehen der Polizei. Beamte sollen sich auch rassistisch geäußert haben.

Brauchen wir also Polizisten, die besser mit solchen Situationen umgehen können?

Da gibt es sicher Defizite. Aber die Probleme im Wrangelkiez kann weder ein Polizist noch ein Sozialarbeiter lösen. Das Hauptproblem ist, dass dort zu viele Leute keine Arbeit haben. Auch das Aggressionspotenzial der Jugendlichen speist sich aus ganz konkreten Frustrations- und Ausgrenzungserfahrungen, nicht zuletzt aus dem Bewusstsein, kaum eine Chance zu haben.

Die betreffenden Jugendlichen kommen aus Zuwandererfamilien. Welche Rolle spielt dieser ethnische Hintergrund?

Er wird überschätzt. Machoverhalten ist bei Halbstarken in diesem Milieu wohl weiter verbreitet als unter deutschen Jugendlichen, aber dem steht der stabilisierende Einfluss der starken Familienverbände gegenüber. Außerdem sollte man froh darüber sein, dass diese Jugendlichen wegen ihres kulturellen Hintergrunds in der Regel keinen Alkohol trinken. Was es bedeutet, wenn sich Perspektivlosigkeit mit Alkoholismus paart, kann man ja auch in der Wrangelstraße beobachten. Nur eine Ecke weiter trifft sich vorm Supermarkt die deutsche Trinkerszene. Das ist die eigentliche Problemgruppe, die im Kiez auch den meisten Ärger verursacht: alkoholkranke Männer, meist alleinstehend und arbeitslos.

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Silvester Stahl

ist Soziologe an der Universität Potsdam. Der 32-Jährige forscht zu Integrationsfragen. Er wohnt im Kreuzberger Wrangelkiez.

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