Berlin : Der Wundermann und die Pest Wie die Seuche 1576 in Berlin bekämpft wurde

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Panik in Berlin-Cölln, Anno 1576. Wer es sich leisten kann, sucht das Weite. Vier Epidemien hat die 11 000-Einwohner- Stadt seit dem Jahre 1348 überstanden, mit Tausenden von Toten. Jetzt will Leonard Thurneisser vorbeugen. Der üppig honorierte, weitgereiste Leibarzt des Kurfürsten gilt als pharmazeutisch und alchimistisch gebildeter Wundermann. Am Grauen Kloster, das seit dem Tod des letzten Franziskaners zum Gymnasium umgewidmet wurde, pflegt der berühmte Gelehrte seinen exzellenten Kräutergarten und hat eine Druckerei, die Keimzelle des hiesigen Pressewesens, für eigene Publikationen zur Verfügung. Im Frühsommer 1576 verfasst er das „Regiment“ zur Aufklärung und Prävention: eine ausführliche Pestschrift, sie gilt auch als Berlins erstes Plakat.

Alandwurtz, Bilsenkrautsaft, Bocksbartwurz, Eichenlaub, Fliederesssig, Granatwein, Judenkirschen, Melissenwasser, Pimpinellenwurz, Storchenblut, Terpentinöl, Violenessig, Wachsöl und Weinstein sind nur einige der dort insgesamt 87 aufgeführten pflanzlichen, tierischen und mineralischen Schutzmittel. Thurneisser erwähnt Bedingungen für eine Ausbreitung der Krankheit: unter anderem die Konstellation von Sonne, Mond und Mars; die Frühlingshitze, der Karwochenkälte und dann Trockenheit folgte. Und den theologischen Aspekt der Gottesgeißel: „Wegen unser Sünde und unbußfertigen Lebens“.

Zur Erkennung der Patienten beschreibt er Symptome: Im Hinterkopf empfinden die vor allem befallenen „Jungen“ große Schmerzen, Glieder werden ihnen schwer, „sie schwetzend viel auch so lang biß jihn die Seel außgeht“.

Er gibt zahlreiche Hygiene-Tipps: Beräucherung und Reinigung der Leistengegend und des Nackens mit einem in Rosenessig, Thymiam und Kamillenwasser getränkten Schwamm. Doch trotz der Info-Kampagne sterben von Juni bis Dezember fast 4000 Menschen in der Doppelstadt an der Pest. Der von Neidern bedrängte Thurneisser verlässt schließlich mit dem Tode „seines“ Kurfürsten Johann Georg (1584) Berlin.

Die auf Frühneuhochdeutsch verfasste Pestschrift wurde im Jahre 1992 in Basel entdeckt, Berlins Staatsbibliothek besitzt nun eine Kopie des seltenen Druckwerks. Für das Buch „Die Pest in Berlin 1576“ wurde dieser Fund von den Autoren vielseitig ausgewertet; anschaulich unterstützt durch eine Plakatkopie des „Regiments“ und die Aufklapp-Repro: eine schöne Farb-Vedute Berlin-Cöllns von 1536. Thomas Lackmann









Diethelm Eikermann, Gabriele Kaiser:
Die Pest in Berlin 1576, 160 Seiten, Basilisken-Presse. Rangsdorf 2012, 19,90 Euro.

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