• Der ZDF-Chefredakteur stellte sich den Frankfurtern, die ihre Stadt in dem "Frontal"-Beitrag nicht wiedererkennen

Berlin : Der ZDF-Chefredakteur stellte sich den Frankfurtern, die ihre Stadt in dem "Frontal"-Beitrag nicht wiedererkennen

Claus-Dieter Steyer

Zur Beruhigung der kochenden Volksseele war ein Kirchenmann als Moderator ausgewählt wordenClaus-Dieter Steyer

Eine zehn Minuten dauernde Fernsehsendung hat genügt, um Frankfurt (Oder) zwei Wochen lang in Aufregung zu versetzen. Am Montag nachmittag kam der Höhepunkt: Zur "Abrechnung" mit dem ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser erschienen einige hundert Einwohner in der örtlichen Konzerthalle. Das ZDF stellte sich damit der Diskussion zum Beitrag über die Oderstadt im Magazin "Frontal", der am Jahrestag des Mauerfalls ausgestrahlt worden war.

Neben Klaus Bresser wollte auch "Frontal"-Macher Ulrich Kienzle der Einladung von Frankfurts Oberbürgermeister Wolfgang Pohl (SPD) folgen. Außerdem hatten sogar Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) und Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) angekündigt, vom Podium zur Beruhigung der Volksseele beizutragen. Dabei war die Moderation der Veranstaltung schon in vermittelnde Hände gelegt worden: Der Generalsuperintendent für das östliche und südliche Brandenburg, Rolf Wischnat, wollte die Wogen glätten.

Sogar diejenigen Frankfurter, die am 9. November den Fernsehbeitrag nicht gesehen hatten, wissen inzwischen Bescheid. Ihr Oberbürgermeister hatte in einem offenen Brief die Sendung zehn Jahre nach dem Mauerfall als eine "Abrechnung" bezeichnet und sogar von "Apartheid" gesprochen, die hier zum Ausdruck gekommen sei. Die "Märkische Oderzeitung" füllte zudem fast täglich eine Seite mit empörten Leserbriefen unter dem Motto "Eine Region wehrt sich gegen Manipulation". Reporter der Zeitung haben alle vom ZDF gezeigten Szenen aus der Stadt nachrecherchiert und gegenteilige Ergebnisse ermittelt. Kienzle dagegen verteidigte den Beitrag: "Wir sind solche Diskussionen gewöhnt, da wir die Dinge zuspitzen müssen."

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Einwohner einer Brandenburger Stadt derart über Berichterstattung in den Medien aufregen. Eine ähnlich lebhafte Diskussion wie gestern in Frankfurt hatte es vor einigen Jahren auch im uckermärkischen Schwedt gegeben. Die "Spiegel" war in seiner Beschreibung nicht zimperlich mit dem Industriezentrum umgegangen und hatte von "einem Ort nicht zum Leben" geschrieben. Wie jetzt in Frankfurt beklagte auch damals der Bürgermeister, dass viele guten Seiten der Gegend, wie der Nationalpark Unteres Odertal, einfach weggelassen worden seien. Hier wie dort hatten es Stimmen, die in den Beiträgen auch Wahrheiten erkannten, nicht leicht. Als die ostdeutsche Herkunft des Autors bekannt wurde, nahm die Empörung noch zu.

Weniger Aufregung löste dagegen ein Beitrag des "Spiegel" über Potsdam aus, das als "Jammertal des Ostens" beschrieben worden war. Die Resonanz der Einwohner hielt sich in Grenzen. Offenbar ist tatsächlich die Größe und Lage eines betroffenen Ortes entscheidend für die jeweilige öffentliche Reaktion. In Angermünde, dem kleinen Städtchen nördlich Berlins in der Uckermark, erzielte das Nachrichtenmagazin "Focus" mit einem Beitrag reißenden Absatz. Ein sozialwissenschaftliches Institut aus Westdeutschland war beim Vergleich der Lebensqualitäten ausgerechnet in der Kleinstadt ohne positive Ergebnisse geblieben. Es setzte Angermünde kurzerhand auf den letzten Platz der Rangliste, die dann in "Focus" veröffentlich wurde.

Auch hier war ein in der Region lebender Journalist der wichtigste Tippgeber gewesen. "Verräter" lautete noch die harmloseste Diffamierung des Autors. Doch im Unterschied zu Schwedt konnte Angermünde aus der plötzlichen, bundesweiten Aufmerksamkeit richtig Kapital schlagen. Journalisten aus ganz Deutschland gaben sich im Rathaus buchstäblich die Klinke in die Hand und skizzierten hinterher ein völlig anderes Bild, nämlich das einer liebenswerten Kleinstadt. Es bleibt abzuwarten, ob sich so eine Wirkung jetzt auch in Frankfurt (Oder) einstellt. Für genügend Publicity nach dem Beitrag im ZDF-Magazin "Frontal" haben Stadtverwaltung, örtliche Zeitung und viele Einwohner jedenfalls gesorgt.

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