Derby-Stimmung : Eine Stadt nimmt’s sportlich

Nach dem Fußball wurde nicht geboxt: Die Fans von Union und Hertha blieben auch nach dem Spiel und in vollen Zügen friedlich.

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Einige scheinen es geahnt zu haben: Die Fans des Außenseiters aus Köpenick treffen sich gut gelaunt schon Stunden vor dem Derby am Alexanderplatz. Manche haben dem Alkoholverbot im Olympiastadion mit mehreren Bieren vorgebeugt und ab 10 Uhr mit dem Trinken angefangen – „Vortanken“ kann eben auch vor einem als Risikospiel eingestuften Fußballmatch sinnvoll sein. Die vereinsfarbentreu mit roten Mützen und Schals gekleideten Union-Fans singen in den Zügen aus dem Osten der Stadt unbeirrt. Es liegt Siegesatmosphäre in der Luft.

Da verbreiten im Westen der Stadt, etwa in den Bahnen aus Lichterfelde, noch Hertha-Anhänger mit blauen Mützen und Schals siegesgewiss gute Stimmung. Ihr Team gilt seit Wochen als Favorit. Die Mehrzahl der befragten Berliner Prominenten hat sich mit Hertha-wird-siegen-Prognosen hervorgetan. Wegen des erwarteten Andrangs setzen BVG und S-Bahn mehr Züge ein. Am Bahnhof Friedrichstraße treffen die roten Fans auf die blauen – von größeren Zwischenfällen ist nichts bekannt. Als eine große Gruppe von Unionern gegen 12 Uhr am Olympiastadion eintrifft, fliegen Böller in Richtung der eingesetzten Polizisten. Die Beamten versuchen, die in der Menge getarnten Werfer zu fassen. Ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizisten und Fans beginnt, doch die Stimmung, heißt es später von Beamten vor Ort, kippt nicht.

Hertha beginnt das Spiel überlegen – genützt hat es am Ende nichts: Der größere Club verliert, die Außenseiter aus Köpenick haben es geschafft. Doch trotz des unerwarteten Spielergebnisses bleibt das Derby auch bis zum Nachmittag eine friedliche Angelegenheit: kaum besondere Vorkommnisse. Trotz der gerammelt vollen Züge auf den Hin- und Rückwegen und den nach dem Spiel wieder massenhaft geleerten Bieren eskaliert die Lage nicht. Eine Sprecherin der für das Olympia-Stadion zuständigen Polizeidirektion 2 sagt am Nachmittag: „Die Fans beider Mannschaften wurden so weit wie möglich getrennt, es kam vor allem zu verbalen Auseinandersetzungen.“ Vorläufige Festnahmen habe es dennoch vereinzelt gegeben, etwa wegen des Verdachtes des Landfriedensbruchs.

Dem trüben Wetter in Berlin ist übrigens mindestens ein Hertha-Fan entgangen: Frank Zander, der Hertha-Hymnensänger, feierte am Freitag seinen 69. Geburtstag auf der Mittelmeerinsel Ibiza. Das Derby soll er bei sonnigem Wetter im Fernsehen verfolgt haben. Dafür war Dschungelkönig Peer Kusmagk mit Zylinder live dabei. Mit 74 244 Zuschauern war das Olympia-Stadion übrigens ausverkauft – die meisten Karten waren seit Wochen weg.Hannes Heine

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