Berlin : DER RETTER

Silvester ist einer der Feiertage, an denen ich bevorzugt arbeite. In dieser Nacht ist der kollegiale Zusammenhalt besonders zu spüren, außerdem sind Rettungsstellen an Silvester grundsätzlich personell besser ausgestattet. In der Nachtschicht sind neben mir noch vier Assistenzärzte im Dienst, normalerweise sind es nur zwei. Dadurch werden wir mit dem Andrang gut fertig.

Die Stoßzeit liegt zum Jahreswechsel zwischen 1.30 Uhr und 5 Uhr. Die Leute feiern exzessiv, lassen sich teils hemmungslos gehen und kommen mit daraus folgenden Komplikationen zu uns. Patienten mit schweren Böllerverletzungen werden meist gleich ins Virchow-Klinikum gefahren, da sie dort eine speziellere chirurgische Behandlung erfahren, insbesondere bei hochkomplizierten Handverletzungen. In der Charité haben wir es routinemäßig mit Herzinfarkten und Schlaganfällen zu tun, zudem behandeln wir sehr oft Alkohol- und Drogenvergiftungen. An normalen Tagen werden bei uns etwa fünf Patienten eingeliefert, die zu viel getrunken haben. Zum Jahreswechsel sind es 60 bis 70 von insgesamt etwa 250 Patienten. Aus diesem Grund werden zuvor einige Behandlungszimmer ausgeräumt und mit Matten ausgelegt, denn die Untersuchungsliegen würden nicht reichen. Erschwerend ist der Geruch: Viele alkoholvergiftete Patienten erbrechen oder nässen ein. Dem lässt sich mit Raumdeos beikommen, und zum Glück sind unsere Reinigungskräfte schnell da. Manche Kollegen träufeln sich auch geruchsneutralisierende Tropfen auf den Mundschutz.

Meine Schicht endet am Neujahrsmorgen nach 24 Stunden um 8 Uhr. Für die Kollegen geht es dann weiter. Nach einem langen Feierwochenende stehen bei uns oft junge Frauen wegen der „Pille danach“ vor der Tür. Dabei könnten sie auch einen Tag später zu einem niedergelassenen Gynäkologen gehen. Doch das wissen die meisten nicht.

Sönke Petrausch, 45, ist Oberarzt in der Rettungsstelle

der Charité in Mitte.

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