Berlin : Dersu liebte die Menschen

Der Neunjährige wurde von abbiegendem Laster überfahren. Zu seiner Beerdigung kamen gestern Hunderte Freunde

Annette Kögel

Der Knall in der Friedhofskapelle geht durch Mark und Bein. Dabei ist nur einer der vielen bunten Luftballons geplatzt, die Freunde von Dersu mitgebracht haben. Genauso unvermittelt, von einer Sekunde auf die andere, wurde der neunjährige Junge aus dem Leben gerissen, verloren seine Eltern das Wichtigste, das sie hatten. Am 23. März um 8.15 Uhr, die Zeit steht auf der Karte zur Trauerfeier, wurde das Kind an der Bismarck-, Ecke Kaiser-Friedrich-Straße von einem Lastwagen überrollt. Die Mutter war auf dem Weg zur Schule vorangeradelt. Der Fahrer des Lkw bog ab, ohne anzuhalten – aus Stress, vermutet die Polizei.

„Es sind so viele Menschen da“, sagt Dersus Vater bei der Trauerfeier, „das hätte Dersu gefreut, denn er liebte die Menschen.“ Hunderte waren gekommen zu dem idyllischen Friedhof im Westen der Stadt, drängten sich draußen vor der Kapelle, als drinnen vor lauter Blumen, Kuscheltieren, Puste-Windmühlen kein Platz mehr zu finden war: Kinder und ihre Eltern von Dersus Schule, Kita, Schülerladen waren gekommen. Der Vater, Autor, einst aus Schwaben nach Berlin gezogen, und die Mutter, geborene Türkin, Musikerin, gehören der Künstlerszene rund um den Klausenerplatz in Charlottenburg an – und sie gestalteten die Feier mit Freunden, Bekannten und Kiezkünstlern selbst. So viele eigens verfasste Lieder, Texte, Gedanken. Tieftraurig – und unglaublich fröhlich, so wie alle hier Dersu kannten. „Lachweltmeister bleibst du für immer“, singen Freunde in ihrem Lied. „Er lächelte bis in die Haarspitzen“, erinnert sich der Vater, „Dersu war ein Weltmeister im Streicheln und Küssen.“ Sein Strahlen, seine Vitalität und Virtuosität seien ansteckend gewesen. Viel sind seine Eltern mit ihm gereist, am Lagerfeuer habe er gern gesessen. Und jetzt, so äußerten viele der Redner Hoffnung und Trost, wird Dersu in einer anderen Welt seinen Platz gefunden haben. Eine Frau singt „Tears in Heaven“ von Eric Clapton. „Kein Mensch wird je begreifen, kein Mensch wird je verstehen. Warum musstest du so früh gehen“, sagt ein anderer. Ein Mann hat einen alten Tears-for-Fears-Klassiker umgedichtet: „It’s a mad world.“

Draußen dreht sich die Welt weiter, und wenn das furchtbare Unglück überhaupt etwas bewirken soll, „dann das, dass wir uns alle fragen, in was für einer Zeit wir leben, in der alle hetzen und noch nicht einmal diese Sekunde Zeit haben, sich umzusehen“, sagt einer am Rande der Beerdigung.

An der Unglücksstelle in Charlottenburg nehmen sich die Leute Zeit. Sehen das Blumenmeer und den an den Ampelpfahl gebundenen Kindersitz. Sie parken, steigen aus. Wie Brigitte Kessler, die hier oft vorbeifährt und bemerkt hat, „dass das jeden Tag mehr Blumen werden“. Was „für ein furchbares Leid die Eltern jetzt ertragen müssen. Ein fremdes Schicksal rührt mich zu Tränen“, sagt sie weinend. Gundula Freiberg ist ebenfalls an die Seite gefahren und liest ihren Kindern Debbi, acht, und Marco, elf, die Briefe und Grüße vor. „Wann reagieren die Damen und Herren Politiker endlich mit einer Pflicht für Spiegel für Lkw und Busse“, hat Zalina Arndt auf eine Pappe geschrieben und sie wasserdicht verpackt. „An die Eltern von Dersu“ – den Brief hat jemand an den Pfahl geklemmt. „Ich bin 2x täglich hier zur Pflege“, schreibt „Hü“. Und: Jemand habe drei Teddybären gestohlen. „Der Dieb hat kein Herz.“ Autofahrer gucken durch die Scheibe. Bremsen quietschen. Es klingt anders als sonst.

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