Berlin : Des Kaisers Ober-Hofsilberputzer

Ingo Bach

Exotisch sollten die Mitbringsel sein. Daran ließ der Befehl, den der Große Kurfürst 1680 seiner kleinen Flotte mitgab, keinen Zweifel. Als sichtbaren Beweis für den Erfolg der Mission, die die beiden Schiffe an die Westküste Afrikas führte, sollten die Kapitäne wertvolle Waren an den Berliner Hof schicken: Einige Affen, ein paar Papageien und "ein halbes Dutzend schöner und wohlgestalter Mohren von vierzehn, fünfzehn oder sechzehn Jahren." Wie die meisten europäischen Potentaten des 17. und 18. Jahrhunderts gierte auch der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm nach schwarzen Sklaven. Zum einen lockte die Exotik der schwarzen Menschen in einer Zeit, an dem jeder Fürst und König, der etwas auf sich hielt, ein Kuriositätenkabinett unterhielt. Zum anderen reizte der Kontrast zum damaligen höfischen Ideal einer blassen Haut, die Wohlhabenheit demonstrierte: Wer sich auf dem Feld nicht die Epidermis von der Sonne gerben lassen musste, der konnte sich Müßiggang leisten. "Und Weißes - das wusste schon Luther - kann man besser erkennen, wenn man Schwarzes dagegenhält", schreibt Peter Martin in seinem Buch "Schwarze Teufel, edle Mohren".

Noch heute erinnert in Berlin die Mohrenstraße in Mitte an die erlauchten Vorlieben. Hier befand sich eine Kaserne für die schwarzen Heeres-Musiker in Diensten des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. Man nannte die etwa 30 Musiker in Anlehnung an die berühmte Elitetruppe des Osmanen-Reiches auch die "preußischen Janitscharen", weil man aus irgendeinem Grunde annahm, dass Afrikaner dem Islam anhingen und gleichzeitig alle Muselmanen Türken zu sein hatten. Die Fürsten staffierten ihre Mohren mit farbenprächtiger Kleidung aus, setzten ihnen einen Turban auf den Kopf, behängten sie mit goldenen Ohr- und silbernen Halsringen - der Weg zum Sarotti-Mohr, dem 1918 kreierten schokoladigen Markenzeichen, war nicht mehr weit.

Der Große Kurfürst war den meisten seiner herrschenden Kollegen gegenüber im Vorteil: Die Schiffs-Expedition nach Afrika hatte "Erfolg". Brandenburg besaß seit den 1680er Jahren eine Kolonie in Westafrika. Von der Festung Friedrichsburg im heutigen Ghana aus beherrschte Berlin einen etwa 30 Kilometer breiten Küstenstreifen. Damit saß der Kurfürst an der "Mohren-Quelle", denn sein Staat verdiente vor allem am Sklavenhandel. Dieses bisher wenig erforschte Kapitel brandenburgisch-preußischer Geschichte wird im nächsten Jahr Teil der Schifffahrtsausstellung im Technikmuseum sein.

"Friedrich Wilhelm versprach sich aus dem Kolonialgeschäft schnelle Gewinne, mit denen er sein vom Dreißigjährigen Krieg schwer gebeuteltes Land zu sanieren hoffte", sagt der Buchautor Ulrich van der Heyden ("Rote Adler an Afrikas Küste"). Zwischen 1681 und 1698 verschifften die kurfürstlichen Sklavenhändler über Großfriedrichsburg etwa 30 000 schwarze Sklaven nach Amerika. Einige von ihnen kamen auch ins Brandenburgische, wo man sie als Diener und später als Musiker in der Armee einsetzte. Als lebenslanges Zeichen ihres Daseins als Sklaven trugen sie ein Halsband - aus purem Gold, denn man wusste um ihren Wert. Das Exotische hing ihnen über Jahrhunderte an. "Dabei waren sie geachtet, in der Dienerhierarchie standen sie nicht an unterster Stelle", sagt van der Heyden.

Der knickrige preußische "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) machte Schluss mit den kolonialen Träumen. Großfriedrichsburg war ein Zuschussgeschäft, das der König 1721 an die Niederländer verscherbelte. Aber auf eigene Mohren wollte auch Friedrich Wilhelm I. nicht verzichten. Ihn gelüstete es gleich nach 170 "jungen, wohlgewachsenen Manns-Negers von 10 bis 12 Jahren", die er als Musiker in seine Truppe integrieren wollte. Er bestellte die Ware bei holländischen Kaufleuten - doch wegen der immensen Kosten musste sich der König mit weit weniger Sklaven begnügen. Trotzdem unterhielt er bald ein beachtliches schwarzes Musikkorps. Allein in seinem Potsdamer Leibregiment taten 30 afrikanische Heeresmusiker ihren Dienst.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war es mit der Bewunderung für die schwarzen Musiker in der Truppe vorbei. So zischelte 1909 die national-konservative "Deutsche Tageszeitung" in rassistischer Überheblichkeit gegen den schwarzen Paukenschläger im Grenadierregiment Nr. 3, Erich Zigorra: "Die Einstellung eines schmutzigen Niggers in die Armee ist nicht nur im höchsten Grade bedauerlich und bedenklich, sondern sogar skandalös." Trotz derartiger Einwürfe blieben bis zum Ende des Kaiserreiches schwarze Musiker in der deutschen Armee präsent - und nicht nur dort. Kaiser Wilhelm II. hatte sogar einen schwarzen Ober-Hofsilberputzer. Und der Sklave Henry Noel erlangte eine gewisse Berühmtheit als "Mohr von Berlin". Als "Vorzeigeneger" stand er im Rampenlicht der Öffentlichkeit und - wurde darüber wahnsinnig. Im Jahre 1878, Noel war gerade mal 22 Jahre alt, wies man ihn in eine italienische Heilanstalt ein. Die Diagnose: "Geisteskrankheit, die hauptsächlich auf der Wahnvorstellung und Angst beruht, verfolgt und bedroht zu werden." 200 Jahre nach den ersten Mohren in Berlin waren Schwarzafrikaner noch immer begaffte Exoten.

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