Berlin : Des Kaisers Regisseur

Arte zeigt heute einen Film über Franz Beckenbauer. Der in Berlin lebende Argentinier Ciro Cappellari hat ihn gedreht

Sven Goldmann

Am Tag, als Ciro Cappellari den Kaiser trifft, herrscht Stille. Eineinhalb Stunden lang läuft Franz Beckenbauer durch das menschenleere neue Münchner Fußballstadion, und Cappellari lässt ihn keine Sekunde lang aus dem Auge. Es ist sein drittes Auge, das Objektiv der Kamera. Es beobachtet, wie Beckenbauer in sich versunken über den Rasen läuft, mal die Tribünen hinaufschaut, mal den Kopf schüttelt. Ciro Cappellari hat diese 90 Minuten nicht vergessen. „Wie lange hat der Mann für dieses Stadion gekämpft“, erzählt der Berliner Filmemacher, „du hast ihm angesehen, wie bewegt er war.“

Sequenzen dieses Rundgangs stehen am Anfang und am Ende der „Audienz beim Kaiser“, einer Dokumentation zu Ehren Beckenbauers, der am Sonntag 60 Jahre alt wird. Der Film läuft heute (22.35 Uhr) auf Arte und ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Es geht nur am Rand um Fußball, Beckenbauer ist die einzige handelnde Person, und außergewöhnlich ist auch, dass Ciro Cappellari diesen Film gedreht hat. Ein Argentinier, der seit 21 Jahren in Berlin lebt und dessen Filme überall spielen, aber nur selten in Deutschland. Ein Künstler, der gerade den Grimme-Preis gewonnen hat für eine Dokumentation über einen südafrikanischen Jazz-Musiker. Wie kommt dieser Mann zu Franz Beckenbauer?

Ciro Cappellari lacht. „Ich bin kein allzu großer Fußballfan, und die Idee für dieses Projekt hatte auch nicht ich, sondern Robert Eisenhauer von Arte und André Heller. André ist oft in Berlin.“ Der Wiener ist ein guter Freund Beckenbauers, er organisiert das Kulturprogramm für die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr, und weil das ein umfangreicher Job ist, fehlte ihm am Ende die Zeit für das Beckenbauer-Projekt. Heller kennt und schätzt Cappellari seit der gemeinsamen Arbeit an dem Film „Im Herzen des Lichts“. Die beiden einigen sich auf ein gemeinsames Projekt: Heller führte mit Maybrit Illner das Gespräch mit Beckenbauer, zweieinhalb Tage lang in dessen Wahlheimat Kitzbühel. Beide sind nicht im Bild zu sehen, das erinnert an Hellers Porträt über Traudl Jung, die Sekretärin Hitlers. Nur dass diesmal Ciro Cappellari die Regie führt.

Gerade vier Wochen lang hat er an dem Film gearbeitet, die schwerste Zeit war die am Schneidetisch am Berliner Lützowufer. Besonders gut gefällt ihm eine Szene, in der Beckenbauer von Südamerika schwärmt, „über den Duft, als er 1966 zum ersten Mal in Buenos Aires war“. Beckenbauer glaubt an Wiedergeburt und daran, dass er sein erstes Leben in Südamerika verbracht hat.

Cappellari hat Südamerika 1981 verlassen, zu einer Zeit, als der Duft dort eine eher untergeordnete Rolle spielte. „Ich war 22 und in Argentinien herrschte das Militär.“ Europa sollte es sein, vielleicht England, Frankreich oder Italien, das Land seiner Vorfahren.

Es wurde Deutschland, weil Cappellari gerade mit einer deutschen Frau zusammen war. Er arbeitete als Fotograf in München, „das war eine aufregende Zeit, ich habe Henry Kissinger getroffen und die Rolling Stones“. 1985 ging es weiter nach Berlin, zum Studium an die Deutsche Film- und Fernsehakademie.Die Stadt hat ihn nicht mehr losgelassen, und das liegt nicht nur an der lebendigen Kulturszene. „Es ist so ruhig hier und angenehm“, sagt Cappellari. Ruhig? Angenehm? ,,Natürlich, Berlin ist längst nicht eine so laute und aufgeregte Stadt wie Paris oder Buenos Aires. Hier kannst du gut leben.“

Berühmt geworden ist er denn auch mit einem Film, der in Berlin spielt. Aber da war er nicht Regisseur. Cappellari führte die Kamera in „Schwarzfahrer“, mit dem sein Freund, der Regisseur Pepe Danquart, 1994 den Oscar für den besten Kurzfilm gewann.

Die Handlung geht so: Ein junger Mann mit dunkler Hautfarbe sitzt in der Straßenbahn, neben ihm eine ältere Frau, Typ Wilmersdorfer Witwe, eine Rassistin, wie der Zuschauer bald aus ihren Bemerkungen erfährt. Ein Kontrolleur steigt zu, und in einem unbeobachteten Augenblick greift der junge Mann, der bis dahin alles regungslos ertragen hat, nach dem Fahrschein der Dame und schluckt ihn herunter. Die Rechtfertigungsversuche gehen unter in allgemeiner Schadenfreude.

Oft hat Cappellari daran gedacht, Berlin zu verlassen. Nicht, weil irgendetwas gefehlt oder nicht gestimmt hat. „Aber wenn du in ein fremdes Land kommst, dann denkst du immer: Das ist nur für kurze Zeit, bald gehst du zurück nach Hause.“ Am Ende war es die Familie, die ihn hielt. Cappellari hat zwei Söhne, der ältere lebt bei seiner früheren Frau in Zürich. „Den Kleinen könnten wir ja mitnehmen nach Argentinien, aber was mache ich dann mit dem Großen? Soll ich den nur noch einmal im Jahr sehen?“ Berlin ist ein fairer Kompromiss. Heute kommt der große Sohn zu Besuch nach Berlin. Er ist gerade elf geworden und damit wohl alt genug, zu später Stunde Papas neuen Film im Fernsehen anzuschauen.

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